Totensonntag - 22. November 2020

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Helmut Gerisch

Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Ps. 90,12

Freunde und Verwandte sind in diesem Jahr gestorben. Wir trauern um sie und wir fühlen mit anderen, die liebe Mitmenschen verloren haben – in unserer Gemeinde oder auch an vielen anderen Orten dieser Welt.

Herzlich willkommen zum Gottesdienst am Totensonntag!

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 126

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,

so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens

und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Da wird man sagen unter den Völkern:

Der HERR hat Großes an ihnen getan!

Der HERR hat Großes an uns getan;

des sind wir fröhlich.

HERR, bringe zurück unsre Gefangenen,

wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen,

werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen

und tragen guten Samen

und kommen mit Freuden

und bringen ihre Garben. Amen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

Am Ewigkeitssonntag spürt Heinz, wie er noch in der alten Zeit steckt. Nachts ist es am schlimmsten. Da greifen seine Hände auf die andere Seite des leeren Bettes. Aber Hilde ist nicht mehr da. Manchmal kann er einschlafen und denkt im Schlaf noch, es sei alles ein böser Traum gewesen. Aber wenn er zu sich kommt und ihre Seite des Bettes leer ist, holt ihn die Trauer wieder ein.

Morgens, wenn er aufsteht … er nimmt immer noch eine zweite Kaffeetasse aus dem Schrank und stellt sie auf den Tisch. Häufig hört er ihre Schritte den Flur entlang gehen, und immer wieder ihre Stimme, die seinen Namen ruft. So schnell ist die Zeit vergangen, in der sie krank war. So schnell kam der Abschied.

Heinz ist froh, dass wenigstens manchmal Tränen kommen. Vor allem wenn ihm niemand zusieht. Neulich hat er das Album mit den Hochzeitsfotos hervorgenommen. Wie waren sie da jung und hoffnungsvoll. Das Leben lag noch vor ihnen. Jetzt liegt es hinter ihr. Und auch sein Leben wird nicht mehr dasselbe sein nach ihrem Tod und mit ihrem Tod.

Zum Glück hat er seine Nachbarn. Auf der linken Seite Gisela, auf der anderen Seite Max. Gisela ist ungefähr so alt wie er und hat vor ein paar Jahren ihren Mann verloren. Max ist jünger. Nur etwas älter als sein Enkel.

Seine Nachbarn helfen ihm jeden Tag. Sie erzählen einander, wie der Tag war. Neulich hat Max etwas vom Einkaufen mitgebracht. Gisela stand gestern mit einem Stück Kuchen vor seiner Tür. Heinz hat auch schon geholfen, als bei Max die Spülmaschine kaputt war. Nachbarn tun gut, denkt Heinz. Man sucht sie sich nicht aus. Sie sind einfach da. Wie Familie. Man kann sich auf sie verlassen. Das Leben ist einfach besser so. Sie helfen, wenn man sich allein fühlt. Und sie lassen einen in Ruhe, wenn man Ruhe braucht …

Viele von Ihnen sind heute hier, weil Sie in diesem Jahr einen Menschen beerdigen mussten, der zu Ihnen gehörte. Abschied tut weh, Trauer ist harte Arbeit. Wir hängen am Alten und lassen uns nur ungern auf Neues ein. Das Neue geht durchs Loslassen hindurch. Und Loslassen schmerzt.

Viele leere Tage liegen wie ein hoher Berg vor uns. So viele Gefühle sind noch da. Die Dankbarkeit und die Traurigkeit, die Fassungslosigkeit und die Ratlosigkeit. Der Zorn und der Schmerz. So manche schöne und so manche schwere Erinnerung. Alles darf heute sein. Es ist nicht nur der Tag, an dem wir an unsere Toten denken. Es ist auch der Sonntag, an dem wir eine Ahnung von Gottes Ewigkeit bekommen. Der Sonntag, an dem uns die großen Verheißungsbilder unserer Bibel vor Augen gestellt werden und uns trösten wollen. Hören wir ein Verheißungsbild aus dem letzten Buch der Bibel, das der Seher Johannes mit besonders leuchtenden und bunten Farben malt:

In Offenbarung 21, Vers 1-7, erzählt der Seher Johannes:

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden. Und das Meer ist nicht mehr da.

Und ich sah die heilige Stadt: das neue Jerusalem. Sie kam von Gott aus dem Himmel herab – für die Hochzeit bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Dann hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: »Sieh doch: Gottes Wohnung bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.

Und er wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«

Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch: Ich mache alles neu!« Und er fuhr fort: »Schreib alles auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.«

Dann sagte er zu mir: »Es ist geschehen! Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer Durst hat, dem gebe ich umsonst zu trinken.

Ich gebe ihm von der Quelle, aus der das Wasser des Lebens fließt.

Wer den Sieg erringt, wird das alles als Erbe erhalten. Ich werde sein Gott sein und er wird mein Kind sein.

Unserer alten Welt mit den Erfahrungen von Tod, von Leid und Tränen wird Gottes neue Welt gegenübergestellt. Im ersten Buch Mose erzählt die Bibel, wie Gott die Erde macht und sie den Menschen anvertraut. Leider verlieren die Menschen den Platz ganz nah bei Gott und sie erleben Mühe, Leid und Tod.

Jetzt, im letzten Buch, erzählt die Bibel, wie Gott am Ende der Zeit einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.

„Siehe, ich mache alles neu“, sagt Gott. „Ich schenke euch einen Neubeginn, der diesen Namen wirklich verdient. Das, was euch bis hierher Schmerzen bereitet hat und womit ihr ein Leben lang nicht fertig geworden seid, hat ein Ende. Die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, unter denen ihr leidet, hören auf. Das Gesetz des Todes verliert seine Macht.

Alles wird neu – ich komme zu euch. Mitten unter euch will ich wohnen und will euer Nachbar sein.“

Gott wird einfach da sein, wird neben uns wohnen und unser Leben teilen. Unsere Traurigkeit und unsere Freude. Seine Tür steht offen. Wir müssen keinen Termin verabreden und uns nicht anmelden. Er ist da, wenn wir ihn brauchen. Wie ein guter Nachbar, der Anteil nimmt und etwas vom Einkaufen mitbringt. Der manchmal einfach mit einem Stück Kuchen vor unserer Tür steht.

Noch ist es nicht so weit. Noch klingt dieses Bild der Offenbarung wie Zunftsmusik. Aber es hat schon begonnen – in Jesus Christus, dem Immanuel, Gott mit uns, der unser Leben und unser Sterben teilt. Gott wohnt schon in seiner Welt – auch wenn wir ihn nicht immer erkennen. Auch wenn die Regeln der alten Welt noch gelten. Aber er verspricht uns: es hat schon begonnen und es wird am Ende vollkommen sein.

„Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“, heißt es. Wir sind mit unserer Traurigkeit nicht allein. Der Tod hat nicht das letzte Wort, denn Gott ist bei uns und einmal werden wir es verstehen und Tür an Tür mit ihm wohnen …

Dass Heinz seine Frau verloren hat, wird von nun an sein Leben prägen und begleiten. Niemand kann einfach die Lücke ausfüllen, die sie hinterlässt. Der Schmerz bleibt. Und doch ist ein Licht da, ein Trost. Heinz fühlt sich geborgen und nicht allein. Er hat seine Nachbarn, seine Kinder und seine Freunde. Er spürt, dass Hilde aufgehoben ist. Sie ist geborgen bei Gott – in Gottes Nachbarschaft. Und er hofft, dass auch seine Tränen eines Tages liebevoll von Gott abgewischt werden. Amen.

Gottes Friede, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

Du bist der Gott, der unsere Tränen abwischt.

Auf Dich setzen wir unsere Hoffnung,

dass Du Deine Verheißungen wahr machst

und unter uns wohnst.

Lass uns den Tod annehmen, wenn er kommt,

als Teil unseres Lebens auf unserem Weg zu Dir;

lass uns aufstehen gegen ihn,

wenn er über uns herfällt,

als Ausgeburt von Hass und Gewalt.

Dein Wille geschehe

im Himmel und auf der Erde. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich!

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden. Amen.