24. Mai 2020 - Sonntag Exaudi

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektorin: Kim Klinker

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12,32

Herzlich willkommen zum Gottesdienst aus der Pauluskirche! Exaudi heißt dieser Sonntag. So beginnt auf Latein ein Ruf im 27. Psalm: „Herr, höre meine Stimme!“

In der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist es die Bitte um den Heiligen Geist, die hier laut wird, die Bitte um Gottes Nähe und um Stärkung aus dem Glauben.

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Psalm dieses Sonntages ist der 27. Psalm:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;

vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft;

vor wem sollte mir grauen?

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;

sei mir gnädig und antworte mir!

Mein Herz hält dir vor dein Wort:

»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«

Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,

verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!

Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht

und tu die Hand nicht von mir ab,

du Gott meines Heils!

Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,

aber der Herr nimmt mich auf.

Herr, weise mir deinen Weg

und leite mich auf ebener Bahn

um meiner Feinde willen.

Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!

Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf

und tun mir Unrecht.

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde

die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.

Harre des Herrn!

Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn! Amen.

Lied: Die güldene Sonne [EG 444]

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

vieles vergessen wir. Und manches vergessen wir nie, weil es wie eingraviert ist in unser Herz. Dort, in unserem tiefsten Inneren, bleibt es gespeichert – beides: das Wunderbare und das Schlimme. Wir tragen es in uns, solange wir leben. Denn alles, was mit starken Gefühlen verbunden ist, prägt sich so tief in unser Herz ein, dass es nie wieder gelöscht wird.

Frühkindliche Erfahrungen prägen uns besonders. Sie wirken ein Leben lang. Selbst wenn wir an Demenz erkranken, wirken sie weiter.

Hören wir unvergessliche Worte des Propheten Jeremia:

 

Jeremia 31,31-34

Siehe, es kommt die Zeit“, spricht der Herr, „da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war“, spricht der Herr; „sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit“, spricht der Herr: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß“, spricht der Herr; „denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

 

Noch einmal ganz von vorn beginnen. Leicht und unbeschwert, wie neu geboren. Solche Sehnsucht wurzelt tief in uns allen. Wir wünschen uns, bedingungslos geliebt zu werden – trotz unserer Ecken und Kanten, unserer Fehler und Schwächen.

Neubeginn – in jedem Alter, davon erzählt der Prophet. Der alte Bund zwischen Gott und den Menschen wurde gebrochen, Gottes Gebote konnten von den Menschen nicht eingehalten werden. Und wahrscheinlich konnten sie das niemals. Jedenfalls nie so, wie sie gemeint waren. Obwohl Gott uns Menschen, seine Kinder, doch seit Anbeginn der Schöpfung von ganzem Herzen geliebt hat.

Schon die Schilderung der Befreiung seines Volkes aus der Sklaverei klingt liebevoll: „…als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen…“ – Und dann hat er sie Tag und Nacht begleitet, ist ihnen nicht von der Seite gewichen. Und doch hat es nicht lange gedauert - ja, es hat in der Menschheitsgeschichte eigentlich nie lange gedauert – bis seine Geschöpfe gegen ihn gemurrt und sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurückgesehnt haben. Und kaum hatte Gott die Tafeln seiner guten Weisung für uns Menschen beschrieben, da tanzte das Volk schon um ein Goldenes Kalb. Den göttlichen Bund der Liebe haben sie gebrochen, wieder und wieder.

Als Konsequenz wäre aus menschlicher Sicht zu erwarten, dass Gott sich maßlos enttäuscht abwendet von seinem Volk. Doch das Gegenteil ist der Fall! Gott kann nicht anders, als seine Menschen dennoch zu lieben. Allem Fehlverhalten zum Trotz.

Auf der inneren Intensivstation liegt ein 17-jähriger, künstlich beatmet und noch immer nicht wieder ganz bei Bewusstsein. Die Eltern sind informiert: eine üble Mischung verschiedener Drogen gekoppelt mit einer großen Menge Alkohol. Lebensbedrohlich. Unfassbar. Welch ein gefährlicher Leichtsinn, welch eine irrsinnige Dummheit. Aber – er ist außer Gefahr. Erleichterung, Wut, tiefe Liebe zu ihrem Kind und noch immer abgrundtiefes Entsetzen und quälende Angst um ihren geliebten Sohn, lassen die Eltern innerlich und äußerlich erzittern. Leise treten sie an sein Bett. Behutsam.

Dann hebt die Mutter die Hand und versetzt ihm zwei schallende Ohrfeigen. Still tritt sie zur Seite und überlässt ihren Platz dem Vater. Auch er hebt die Hand. Zwei schallende Ohrfeigen auch von ihm. Der Junge öffnet die Augen. Im gleichen Augenblick beginnen alle drei zu schluchzen und halten sich innig in den Armen. Bei aller erschreckenden Härte eine tiefe Liebe.

Ganz neu beginnen.

Dazu braucht es Vergebung. Dazu braucht es Liebe. Menschliche und erst recht göttliche, aus der heraus menschliche Vergebung erst möglich wird und menschliche Liebe allein sich inspirieren und nähren lassen kann. Später geht Gott in seiner Liebe und Vergebung in Christus noch viel weiter!

Doch bleiben wir bei Jeremia. Nachdem die Menschen so kläglich versagt haben, bewirkt Gott selbst in den Menschen, was sie von sich aus nicht zu schaffen vermögen, nämlich seine Gesetze zu halten und seinem Willen zu folgen. Er bleibt ihnen treu, allem zum Trotz:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“

Untrennbar-verwoben-Sein mit ihrem Gott, mit unserem Gott bis heute. Wie ein dichtes Geflecht, das uns stützt und trägt. Sein Gesetz will er uns ins Herz geben und in den Sinn schreiben. Das ist noch eine andere Dimension als bei den schlagenden liebenden Eltern am Bett ihres Sohnes. Und es ist auch etwas ganz Anderes als unser mahnendes „Merk es dir endlich und schreib es dir hinter die Ohren!“

Diese Redewendung geht übrigens auf einen alten Rechtsbrauch zurück: Im Mittelalter hatte man bei wichtigen Regelungen, wie beispielsweise der Festlegung von Grenzen, die Kinder der Verhandlungspartner dazu geholt, damit sie notfalls noch in der nächsten Generation als lebende Zeugen aussagen konnten.

Damit sie die Lage der Grenzpunkte auch ja nicht vergaßen, gab man ihnen an jedem Punkt ein paar Ohrfeigen. Man „schrieb“ ihnen also die Position der Grenzpunkte hinter die Ohren. Bis ins 19. Jahrhundert, so wird berichtet, war dieser Brauch noch in manchen Gegenden üblich.

Gott handelt anders und er schreibt anders, nämlich auf eine freundliche Weise, damit wir seine Weisung erkennen und ihr folgen können. Aus eigener Kraft können wir es nicht. Wir scheitern wieder und wieder. Und so schreibt Gott sie uns mit eigener Hand in den Sinn und legt sie in unser Herz.

Das Herz galt zu Jeremias Zeiten als der Ort, wo sich alles vereint, was den Menschen als solchen ausmacht: Verstand, Gefühl und Erkenntnis, Bewusstsein und Gehorsam. Dort im Herzen fallen auch die Entscheidungen zu gutem oder bösem Handeln. Das Herz, das uns mutig anpacken oder uns feige davonstehlen lässt. Und genau da setzt Gott an. Er schreibt uns seine Weisung direkt ins Herz.

Ja, es gibt Augenblicke, in denen Gott unser Herz berührt. Wenigstens für einen Moment. Zärtlich und liebevoll.

Im Englischen gibt es die Redewendung: „to learn by heart“ – das heißt schlicht: Auswendiglernen. Mit Herz und Hirn so intensiv lernen, dass das Gelernte irgendwann fest in uns verankert ist. Dann braucht es nur noch einen zarten Impuls, um das ins Herz Eingeschriebene sozusagen wieder wach zu küssen und in Schwingung zu versetzen.

Aber auch bei Menschen, die vieles längst vergessen haben, bleibt im Gedächtnis, was sie einmal tief berührt hat. „Das Herz wird nicht dement.“ Denn was mit tiefen Gefühlen verbunden ist, das bleibt für immer in uns gespeichert – im Guten wie im Schlimmen. Da erzählt eine 98-jährige, dass sie in ihrer Kindheit nur Härte und Ungerechtigkeit erfahren hat. Dass alle Liebe der Mutter sich ausschließlich ihrer Schwester zugewandt hatte. Bisweilen schüttelt sie leise und traurig den Kopf und flüstert: „…und ich weiß bis heute nicht, warum.“

Aber es gibt auch die andere Erfahrung: Die Namen seiner Enkelkinder hat er längst vergessen. Oft sitzt er schweigend da, den ganzen Tag. Auch die Zeiten sind ihm für immer durcheinandergeraten, und für den Weg zurück ins Zimmer braucht er die Hilfe einer Pflegekraft. Doch wenn die alten Lieder auf dem Klavier erklingen, dann sitzt er hingebungsvoll da, bewegt die Lippen, und singt nicht nur Strophe für Strophe auswendig mit –„by heart“, sondern intoniert hinreißend schön mit klarem Tenor eine zweite Stimme dazu, herzbewegend, herzbewegt!

Das Herz wird nicht dement. Am Arm ihrer Enkelin wandern die beiden durch den sonnigen Park, riechen an jeder Blüte, schauen versonnen den Schmetterlingen nach und atmen lustvoll den Frühlingsduft ein. Auf der anderen Seite des Weges erkennt sie ein vertrautes Gesicht. Da gibt es kein Halten mehr. Ein Strahlen geht über ihr ganzes Gesicht. Das Herz vergisst nicht. Liebevoll ist die Umarmung. Trotz Krankheit noch Momente größten Glücks. Unvergessen im Vergessen. Und unvergessen für immer bei Gott.

In dieser Zeit, in der das öffentliche und gesellschaftliche Leben vorsichtig wieder geöffnet wird, Schritt für Schritt, leben wir mit Hoffnung und Unsicherheit. Manche Ängste machen unser Herz dabei klein und schwach. Aber ganz tief drinnen wirken Gottes Worte für uns. Mir fallen dabei ein paar Zeilen von Herbert Beuerle ein: Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn, dass ich nicht für mich auf Erden bin, dass ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weitergeb.

Ganz am Ende, sagt die Bibel, wird Gott bei den Menschen wohnen. Sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Christus wird alles neu machen. – Ganz neu.

Bis dahin möge Gott uns treu an der Hand nehmen, wie einst die Väter und Mütter im Glauben, um Tag und Nacht bei uns zu sein. Bis dahin mögen seine Worte immer wieder in unserem Herzen spürbar werden. Ganz tief innen. Bis dahin möge unser Herz immer wieder Gottes Handschrift entziffern können. Und dann tun, was der Liebe entspricht. Amen.

Lied: O komm, du Geist der Wahrheit [EG 136]

Wir beten:

Ewiger Gott, du bist unsere Zuflucht und unsere Hoffnung. Zu dir kommen wir mit unseren Bitten.

Wir bitten dich heute:

für alle Menschen, deren Leben in einer Sackgasse ist.

Zeige ihnen einen Weg.

Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Für alle Menschen, die unter der Last des Alltags den Blick für die Wunder deiner Schöpfung verlieren. Öffne ihnen neu die Augen.

Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Für alle Menschen, die in Familie und Beruf unter ständigen Konflikten leiden.

Zeige ihnen Möglichkeiten der Versöhnung.

Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Für alle Menschen, die auf eine Erneuerung hoffen im Leben von Kirche und Gemeinde. – Lass sie Spuren deines Geistes erkennen.

Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Für alle Menschen, die Verantwortung tragen in Politik, Gesellschaft und Kirche. – Gib, dass sie sich von deinem Geist leiten lassen.

Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Für uns selbst, dass wir immer weitergehen auf dem Weg des Glaubens und der Liebe. Wir rufen: Erhöre uns, Gott!

Ewiger Gott, du bist unsere Zuflucht und unsere Hoffnung. Wir danken dir, dass du deine Hand über uns hältst – heute und in Ewigkeit.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.

Amen.

Lied: Die güldene Sonne [EG 444]

1. Die güldene Sonne

bringt Leben und Wonne,

die Finsternis weicht.

Der Morgen sich zeiget,

die Röte aufsteiget,

der Monde verbleicht.

2. Nun sollen wir loben

den Höchsten dort oben,

dass er uns die Nacht

hat wollen behüten

vor Schrecken und Wüten

der höllischen Macht.

3. Kommt, lasset uns singen,

die Stimmen erschwingen,

zu danken dem Herrn.

Ei bittet und flehet,

dass er uns beistehet

und weiche nicht fern.

4. Es sei ihm gegeben

mein Leben und Streben,

mein Gehen und Stehn.

Er gebe mir Gaben

zu meinem Vorhaben,

lass richtig mich gehn.

Text: Philipp von Zesen 1641, Melodie: Johann Georg Ahle 1671

Lied: O komm, du Geist der Wahrheit [EG 136]

1. O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer,

rühr Herz und Lippen an,

dass jeglicher getreuer

den Herrn bekennen kann.

2. O du, den unser größter

Regent uns zugesagt:

Komm zu uns, werter Tröster,

und mach uns unverzagt.

Gib uns in dieser schlaffen

und glaubensarmen Zeit

die scharf geschliffnen Waffen

der ersten Christenheit.

7. Du Heilger Geist, bereite

ein Pfingstfest nah und fern;

mit deiner Kraft begleite

das Zeugnis von dem Herrn.

O öffne du die Herzen

der Welt und uns den Mund,

dass wir in Freud und Schmerzen

das Heil ihr machen kund.

Text: Philipp Spitta (1827) 1833, Melodie: Lob Gott getrost mit Singen [Nr. 243]