Reformationstag - 31. Oktober 2021

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Laienprediger Jürgen Eigenbrodt - Lektor: Herbert Terweiden

Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 46 - im Wechsel

L: Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
G: Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,
L: wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
G: Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
L: Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.
G: Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.
L: Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.
G: Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,

L: der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und den Wagen mit Feuer verbrennt.
G: Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben und den Völkern, ich will mich erheben auf Erden.

L: Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Amen!

Lesung Matthäus 5, 1-10

Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.   

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um ihrer Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.    

Tagesgebet

Gnädiger Gott, der du seit jeher die Deinen aus der Knechtschaft geführt hast: durch Jesus Christus hast du auch uns zur Freiheit befreit. Er macht uns los, von dem Gesetz der Angst, das uns an uns selbst kettet und uns bestimmt in der ständigen Sorge, ob wir genügen.

Gott richte uns auf durch das Wort deiner Gnade und öffne uns den verengten Blick für die Weite deiner Gerechtigkeit.

Gott weise uns ein in die Freiheit, zu der wir befreit sind. Stärke den Glauben, der in tätiger Liebe unserer Hoffnung Gestalt gibt.

Predigt

Galater 5, 1-6

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr Euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Dann wir waren im Geist im Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Liebe Gemeinde!

No Limits, keine Grenzen, grenzenlos leben -
das ist eine Sehnsucht, die viele Menschen antreibt.

Grenzen überwinden – frei und unabhängig sein.

Vielleicht einmal das ganz große Gefühl frei Freiheit erleben, so wie es Reinhard Mey in einem Lied besingt: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde,
was hier groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“.

Grenzen überwinden – frei und unabhängig sein. Aber wie sieht unsere Lebenswirklichkeit aus?

Auf Grenzen stoßen wir unzählig und überall in unserem Leben.

Da sind die Begrenzungen, die Ausgrenzungen, die Abgrenzungen, mit denen wir umgehen müssen. Die Bausteine dieser Grenzen sind unterschiedliche Herausforderungen des Lebens, denen wir uns im Alltag, im Beruf, in der Familie stellen müssen.

Aber es sind nicht nur räumliche Grenzen, die Freiheit einschränken. Es gibt politische und wirtschaftliche Grenzen und die, die
uns eine Gesellschaft auferlegt.

In der Pandemie haben wir schmerzlich erfahren, was es bedeutet, wenn Freiheiten beschränkt werden.

Zahlreiche Regelungen haben unser Leben und unseren Alltag eingeschränkt. Noch vor wenigen Tagen erreichte mich eine
Corona-Masken-Durchführungsverordnung für den Hochschulunterricht. In dieser Verordnung war ganz genau geregelt, wie die Masken zu tragen sind, wie die morgendlichen Tests durchzuführen sind für ungeimpfte und da stand dann noch vieles mehr.

Für mich hatte diese Regelung zu viel zu viel Inhalt, außerdem waren wir doch einübt. Trotzdem gab es noch jede Menge Dialoge und Nachfragen von Kolleginnen und Kollegen. Mancher wollte es noch genauer. So endete schließlich das Ganze mit einer Ergänzungsnachricht, die wir erhielten. Dort hieß es: Sehr geehrte Lehrende, sehr geehrte Dozenten, (…)
wir hatten Ihnen ja schon ausführlich beschrieben, wie die Maske zu tragen ist, möchten jedoch folgende Ergänzung vornehmen: Sollte zwischendurch die zwingende Notwendigkeit bestehen, die Maske für einen Moment abzunehmen, um einmal durchzuatmen, so ist Ihnen dies gestattet.

Willkommen im Alltag der Freiheiten, dachte ich. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Mit der grenzenlosen Freiheit ist das also so eine Sache. Denn es geht nicht nur um die Regeln, die mir auferlegt werden, durch den Alltag, den Beruf, die Gesellschaft. Ich denke auch an die Regeln, die ich mir selbst auferlege und die meine Freiheit zusätzlich einschränken.

Ich denke an den Lebensstil und die Lebensgewohnheiten. Stimmt mein Einkaufsverhalten oder kaufe ich auch Dinge, um mir Anerkennung zu verschaffen oder weil ich mit meinen Freunden gleichziehen will?

Bin ich dann frei?

Unfrei machen uns auch Sorgen und Ängste. Wie geht es mit meinem Arbeitsplatz weiter, wie soll ich die finanziellen Belastungen stemmen, wie soll ich die Probleme in der Familie lösen?

Wie oft richten wir uns, der eine mehr, die andere weniger, nach der Meinung anderer. Wie oft richten wir uns – bewusst oder unbewusst – nach den Menschen um uns herum. Das wir uns dadurch abhängig machen, ist uns oft nicht klar.

Abhängig und unfrei sind auch Menschen, die schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht haben. Weil sie ungerecht behandelt wurden, weil sie zu hören bekamen, dass sie nichts taugen, dass man ihnen nichts zutraute.
Die Vergangenheit lebt. Wir sind nicht frei davon.

Unfrei macht uns unser Versagen, unsere Fehler und unser Egoismus. Was ist das Beste für mich? Wie kann ich mir den besten Vorteil verschaffen? Wie oft bin ich in meinem eigenen Egoismus gefangen und merke es gar nicht.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit, schreibt Paulus.
Sind wir wirklich frei? Von welcher Freiheit spricht Paulus?

Paulus wendet sich in seinem Brief gegen eine Durchführungsverordnung für das Christsein. Er will die Christen davor bewahren, dass sie sich wieder an Maßstäben, Ansprüchen und Identifikationsmerkmalen messen lassen.

Paulus sieht, dass dadurch die Freiheit in Gefahr gerät. Deshalb sagt er ihnen klipp und klar: Lasst euch nicht das Joch wieder auflegen. Paulus möchte nicht, dass Regeln für den Glauben gelten, weder die Bescheidung oder die Befolgung der Reinheitsgebote sind Voraussetzungen, um zur Gemeinschaft der Christen dazuzugehören. Die einzige Bedingung, das einzige Merkmal der wahren Zugehörigkeit ist der Glaube, der in gelebter Liebe sichtbar und erfahrbar wird.

Paulus ist davon überzeugt, dass die neue Gemeinschaft die
Unterschiede integrieren und das nebeneinander bestehen lassen kann. Aber anstatt, dass sich die Menschen damit abfinden, fallen sie zurück in alte Verhaltensmuster, suchen wieder nach sichtbaren Zeichen und klar erkennbaren Regeln. Vielleicht kennt Paulus allzu gut, das menschliche Bedürfnis nach solchen Merkmalen.

Wie schön wäre es auch für uns, wenn doch unsere Zugehörigkeit eindeutig wäre und für immer Bestand hätte. Wie schön wäre es, wenn wir genaue Regeln hätten, mit denen wir alles richtig machen könnten und wüssten genau, wer dazugehört und wer nicht.

Aber Paulus lenkt seinen Blick auf etwas anderes. Diese Regelungen bringen euch nicht weiter. Der Glaube funktioniert nicht, wie eine Checkliste mit erledigt, erledigt, erledigt. Die
Freiheit, von der die Bibel spricht, ist schwer fassbar und ich selbst kann sie nicht erarbeiten. Und deshalb sollen sich die Menschen von solchen Regeln befreien.

Was sollen wir mit dieser Freiheit nun tun?

Wir sollen diese Freiheit nicht egoistisch begreifen und verstehen! Ich kann eben nicht tun und lassen, was ich will. Unsere Freiheit hat auch Grenzen. Grenzen dort, wo es nur um selbstsüchtige Wünsche geht, Grenzen dort, wo ich die Freiheit für andere auf Spiel setze. In diesem Jahr hat das Bundesverfassungsgericht eine wegweisende Entscheidung getroffen. Im Urteilstenor um den Klimaschutz wurde die Regierung, wurden wir als Gesellschaft verpflichtet, die Grenzen des Klimaschutzes einzuhalten, damit die Freiheit künftiger Generationen nicht gefährdet wird. Wir können nicht auf Dauer mit einem C02Fussabdruck leben und durch diese Welt gehen, als gäbe es kein Morgen mehr. Niemand von uns würde sich ja auch Schuhe kaufen, die 3 Nummern größer wären, als wir sie brauchen.
Und so muss auch der Fußabdruck, den wir in dieser Welt
für uns beanspruchen, angepasst werden.

Deshalb tragen wir als Christinnen und Christen in dieser
Welt Verantwortung für die Schöpfung, die uns anvertraut ist.

Die Reformation ist Geschichte. Aber neue Aufgaben und
Herausforderungen liegen auf dem Tisch. Wir sind Teil dieser
Welt, in der die Freiheit immer bedroht ist. Durch Diktaturen
und Herrscher, aber auch durch Trägheit und Geschichtsvergessenheit.

Deshalb muss um die Freiheit immer wieder gekämpft werden, – sie ist bedroht, wird ausgehöhlt und neu verhandelt. Christliche Freiheit ist eine andere Freiheit als die der Welt. Aber sie kann immer wieder zu einer großen Klarheit führen, neuen Mut machen, Dinge relativieren, die erst groß und mächtig erscheinen und in Wirklichkeit nichtig und klein sind.

So sehnen sich nun viele Menschen nach einem Freiheitstag
- Freedom-Day-, der alle Masken und Regelungen fallen lässt.
Wir feiern diesen Tag schon heute. Wir müssen nicht mehr auf ihn warten. So ist die christliche Freiheit, von der Paulus schreibt,
nicht erst über den Wolken, sondern sie schon hier. Wir können mit unserem Glauben abheben und doch am Boden bleiben. Und dazu lade ich sie alle ein. Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle menschliche Vernunft, der behüte und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

Fürbitten

Wenn wir nur dich haben, Herr, brauchen nichts weiter. Du stärkst uns, wenn wir zweifeln. Du befreist uns und nimmst   uns die Last von den Schultern. Wir bitten dich, hilf uns loslassen, damit unsere Hände frei werden für den Dienst der Nächstenliebe.

So bitten wir dich: für alle, die in unmöglichen Lebensverhältnissen  gefangen sind, befreie sie aus der Knechtschaft und öffne neue Wege.

Herr, erbarme dich.

Für alle, die sich in der Freiheit verloren fühlen, weil die Weite ihnen Angst macht, bitten wir dich. Schütze sie und sei ihnen nahe, damit der Mut wächst, in Freiheit zu leben.

Herr, erbarme dich.

Wir bitten sich für alle, die in Krankheit
und Schmerz gefangen sind. Öffne die Fenster der Seele und lass sie aufatmen durch deine Kraft und Zuwendung.  

Herr, erbarme dich.

Vater Unser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn. – Gott sei ewiglich Dank.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir

und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich

und schenke dir Seinen Frieden.

Amen.