Neujahr - 01. Januar 2021

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Matthias Mladek

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Hebräer 13,8

Dieser Vers aus dem Hebräerbrief bringt etwas Ruhe in unruhige Zeiten. Am Anfang eines neuen Jahres nehmen wir uns gern etwas vor. Die einen möchten gesünder leben. Andere wollen sich Zeit nehmen für wirklich Wichtiges. Zeit für Freundinnen und Freunde wäre auch schön. Und auch beruflich gäbe es Ziele…

Doch die Unsicherheiten wirken diesmal größer. Was können wir überhaupt planen? Wie lange müssen wir warten auf ein Stück Normalität?

Da erinnert der Hebräerbrief an Christus, der verlässlich für uns da ist und da sein wird. Unser Glaube kann uns tragen durch alle Herausforderungen, die noch kommen mögen.

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 8, 2-10

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name in allen Landen,

der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge

hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen,

dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,

den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,

mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,

alles hast du unter seine Füße getan:

Schafe und Rinder allzumal,

dazu auch die wilden Tiere,

die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer

und alles, was die Meere durchzieht.

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Lesung Lukas 4, 16-21

Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um zu lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Predigt

Gnade sei mit euch von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Mit einem Augenzwinkern erzählt ein christlich-jüdischer Scherz von Gottes Barmherzigkeit:

Jossi, ein ehrwürdiger orthodoxer Jude, ist empört. Er ist so empört, dass er mit Gott hadert im Gebet. „Gott, wo steckst du, wenn ich dich brauche?“– Da erscheint Gott ihm. „No, Jossele? Was ist?“ Jossi erzählt es ihm. „Einen Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag erklärt mein Sohn, er habe sich entschlossen, zum Christentum überzutreten. Ich rede also auf ihn ein, er kann doch den Glauben der Väter nicht verraten, an dem wir in allen Schrecken und Verhängnissen festgehalten haben. Was sagt mein Sohn: ‚Du wirst mich nicht davon abbringen. Ich bin fest entschlossen, zum Christentum überzutreten.‘ Was soll ich sagen? Er hat’s gemacht. Was sagst du dazu? Enterben werd ich ihn! Enterben!“ – Gott räuspert sich und sagt: „Ruhig, Jossele, das ist mir auch passiert.“ – „Was?“, sagt der Vater, „das ist dir auch passiert? Und was hast du dann gemacht?“ Darauf Gott: „Nu? Was wird ich gemacht haben? Ein neues Testament!“

Die Enttäuschung von Jossi kann ich verstehen. Das tut gewiss weh, wenn Kinder sich abwenden von dem, was den Eltern ganz wichtig ist; wenn sie einen ganz anderen Weg gehen, sich einem anderen Glauben zuwenden oder Religion überflüssig finden, sich radikalisieren und bekämpfen, was bislang ein gemeinsames Gut war.

Jossi beschwert sich bei Gott darüber: „Gott, wo steckst du, wenn ich dich brauche?“ Enterben will er den Sohn. Und Gott antwortet einfühlsam: „Ruhig, Jossele, das ist mir auch passiert.“ Sein Neues Testament regelt das Erbe auch neu. Aber es schließt niemanden aus. Im Gegenteil: Es gilt viel weiter.

Gott zeigt sich barmherzig. Er hat ein Herz für seinen Sohn und für alle Menschen, auch für Jossi.

Das führt mich zur Jahreslosung für 2021. Sie steht im Lukasevangelium, im 6. Kapitel: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Habt ein Herz für eure Söhne und Töchter, habt ein Herz für die Menschen! Gott ist doch auch barmherzig.

Lukas erzählt öfter von der Barmherzigkeit Gottes. Im Gleichnis vom Feigenbaum bringt der Baum keine Frucht und soll abgehauen werden. Da wendet der Gärtner ein: „Lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.“ Und Gott willigt ein. Vielleicht gibt es in einem Jahr Früchte.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn verspielt der sein ganzes Erbe und kommt reumütig nach Hause zurück. Da macht der Vater ihm keine Vorwürfe. Er läuft ihm entgegen und nimmt ihn in die Arme und er richtet ein Fest aus, weil der Sohn wieder da ist. Und er lädt auch den zweiten Sohn ein mitzufeiern, als der schmollend protestiert.

Und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird die Tugend der Nächstenliebe ausgeweitet zur Liebe, die uns von Fremden entgegengebracht wird, hier von einem Mann aus einem fremden verhassten Volk mit einer in Nuancen anderen Religion. Eine Geschichte gegen das Verurteilen und gegen Vorurteile und für Menschlichkeit, die nicht nur mitfühlt, sondern eingreift und handelt.

Gott ist barmherzig. Er freut sich über Menschen, die umkehren, die neu zum Leben finden.

Und deshalb: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

 

Viele engagieren sich in diesem Sinn. Sie unterstützen ihre Kinder, auch wenn die nicht immer so entscheiden, wie die Eltern sich das wünschen. Sie spenden Geld für „Brot für die Welt“ oder helfen in der Suppenküche oder in Luthers Waschsalon. Sie kümmern sich um hilfsbedürftige Nachbarn, kaufen für sie ein, nehmen sich Zeit für ein Gespräch. Viele Menschen sind empathisch, einfühlsam und solidarisch. Nicht alle – aber viele.

Dabei fällt Barmherzigkeit nicht immer leicht. Es gibt Menschen, denen helfe ich gern. Die können Hilfe annehmen und sagen vielleicht auch danke. Ich treffe aber auch auf Menschen, die sehr viel fordern, auf Unzufriedene, Nörgelnde. Bei manchen habe ich das Gefühl, sie wollen mich ausnutzen.

Meine Geduld ist hin und wieder begrenzt und mein Verständnis auch. Und ich habe gelernt, dass ich nicht die Probleme von anderen lösen kann. Das müssen sie selbst tun und hier und da kann ich sie vielleicht unterstützen. Aber ich kann und will ihnen nicht abnehmen, dass sie für ihr eigenes Leben verantwortlich sind.

Wir können nicht die ganze Welt retten. Wir können nicht jeden Menschen retten.

Aber – der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der das sehr schöne Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ geschrieben hat, der meint, dass unsere begrenzten und überschaubaren Möglichkeiten keine Ausrede sein dürfen. In „Widerstand und Ergebung“ schreibt er:

Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.

Es ist gut, wenn wir ein Herz für die Menschen und für die Schöpfung haben und wenn wir deshalb freundlich und hilfsbereit tun, was wir können.

Seid barmherzig! – Das ist womöglich eine Nummer zu groß. Werdet barmherzig! Lernt menschlich miteinander umzugehen! Verzeiht einander und verzeiht euch selbst eure Schwächen, eure oft kurze Sicht, euer mangelndes Vertrauen! Habt Geduld miteinander! Das könnte gehen. Und das möchte ich versuchen im neuen Jahr – im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, der den empörten Jossi versteht, aber nicht abkanzelt. Und ihm mit einem Augenzwinkern eine neue Chance gibt. Amen.

Fürbitten

Gott, wir gehen in ein neues Jahr wie in einen klaren Morgen.

Die Nacht lassen wir zurück und schauen im Vertrauen auf dich und die Liebe Christi,

auf alles, was kommt.

 

Wir denken an die Kinder, die lernen sollen, barmherzig zu leben.

Wir denken an ihre Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, die sie erziehen.

Wir denken an die, die meinen, ihr Ziel schon erreicht zu haben.

Gott, segne und beschütze sie alle. Mache deine Verheißung wahr.

 

Wir denken an die, die müde werden und nichts mehr wollen.

Wir denken an die, die kurz vor dem Ziel zu verzweifeln drohen.

Wir denken an die, die ihre Tapferkeit entdecken.

Gott, segne und beschütze sie alle. Mache deine Verheißung wahr.

 

Wir denken an die, die barmherzig leben werden.

Wir denken an die, die ihre Selbstherrlichkeit besiegen werden.

Wir denken an die, die ihre Wunden heilen lassen.

Gott, segne und beschütze sie alle. Mache deine Verheißung wahr.

 

Wir denken an die, die im Wohlstand leben.

Wir denken an das Gewissen der Verantwortungsträger.

Wir denken an den Mut und die Glaubwürdigkeit deiner Kirche.

Gott, segne und beschütze sie alle. Mache deine Verheißung wahr. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich!

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden. Amen.