Erntedank - 03. Oktober 2021

Gottesdienst aus der Pauluskirche von Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Herbert Terweiden

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Psalm 145,15

Mit diesem Vers aus Psalm 145 begrüße ich Sie herzlich zum Gottesdienst zum Erntedankfest.

Nicht nur Erntedank steht heute auf dem Kalender, sondern auch der „Tag der Deutschen Einheit“. Der Fall der Mauer vor über 31 Jahren kann auch als Erntefest verstanden werden. Eine überraschende Ernte von Glück und Unfassbarem nach einer friedlichen Revolution mit Kerzen und Gebeten.

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 104,1a.10–15.27–30.33

Lobe den Herrn, meine Seele!

Herr, mein Gott, du bist sehr groß;

Du lässest Brunnen quellen in den Tälern,

dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

dass alle Tiere des Feldes trinken

und die Wildesel ihren Durst löschen.

Darüber sitzen die Vögel des Himmels

und singen in den Zweigen.

Du tränkst die Berge von oben her,

du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

Du lässest Gras wachsen für das Vieh

und Saat zu Nutz den Menschen,

dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

dass der Wein erfreue des Menschen Herz

und sein Antlitz glänze vom Öl

und das Brot des Menschen Herz stärke.

Es wartet alles auf dich,

dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit.

Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;

wenn du deine Hand auftust,

so werden sie mit Gutem gesättigt.

Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;

nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie

und werden wieder Staub.

Du sendest aus deinen Odem,

so werden sie geschaffen,

und du machst neu das Antlitz der Erde.

Ich will dem Herrn singen mein Leben lang

und meinen Gott loben, solange ich bin.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Wir beten:

Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir bedenken heute die reiche Ernte hier in unserem Land. Wir säen und ernten, doch Wachstum und Gedeihen liegen in deiner Hand. Lass uns mit Bedacht und Demut die Früchte essen, die du uns schenkst. Öffne unsere Herzen und Sinne, damit Dankbarkeit und fröhliches Teilen bei uns einziehen. Amen.

 

Lesung Markus 8,1-9

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

2. Korinther 9,6-15

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht (Ps 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.«

Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

Denn der Dienst dieser Sammlung füllt nicht allein aus, woran es den heiligen Geschwistern in Jerusalem mangelt, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. Um dieses treuen Dienstes willen preisen sie Gott für euren Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und für die Lauterkeit eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

Liebe Gemeinde,

Als ich ein Kind war, lief im Vorabendprogramm die Serie „Das königlich bayerische Amtsgericht“. Das Ganze spielte etwa um 1910; humorvoll wurden sehr menschliche Vergehen verhandelt. Ich habe damals viele Folgen gesehen, an eine möchte ich erinnern. 

Ein Großbauer stand vor Gericht. Er war in die Sakristei eingebrochen und wollte den Klingelbeutel leerräumen. Die Gerichtsbarkeit und das Dorf waren entsetzt. Dieser Großbauer hielt beim Kollekte-Sammeln nämlich immer ein Fünfmarkstück so deutlich hoch, dass alle seine großzügige Spende sahen. Doch beim Kollekte-Zählen in der Sakristei war dann immer nur ein flacher Stein im Opferstock, nie die fünf Mark. Immer und immer wieder.

Beim letzten Kirchgang schlug ihm nun sein Banknachbar auf die Hand; der Großbauer ließ vor Schreck die fünf Mark in den Klingelbeutel fallen. Die wollte er sich mit dem Einbruch in die Sakristei wiederholen. Doch die fünf Mark waren nicht in der Sakristei angekommen. Die Pfarrköchin, die wie immer alles genau beobachtet hatte, hatte in gewisser Vorahnung die fünf Mark aus dem Klingelbeutel genommen und bei sich verwahrt. Nun stand der Großbauer vor Gericht, weil er beim Einbruch erwischt worden war. Er musste zur Strafe die Kosten für vier komplett neue Gewänder für eine Prozession übernehmen.

Über diese Episode kann ich heute noch schmunzeln. Ebenso drollig finde ich, was wir heutzutage im Klingelbeutel so alles finden: Hustenbonbons, Münzen aus dem Urlaub sind manchmal drin und tatsächlich auch mal ein gefärbtes Osterei. Die Kollekte gehört zum sonntäglichen Gottesdienst wie das „Amen in der Kirche.“ Sie läuft selbstverständlich mit, kaum einer wundert sich, wenn beim zweiten Lied der Klingelbeutel durch die Reihen geht. Aber warum machen wir das?

Die Kollekte gehört zur christlichen Gemeinschaft. Das war bei Paulus schon so. Im biblischen Text zum Erntedankfest, der im 2. Brief an die Korinther steht, wirbt Paulus für die Kollekte, die an die Gemeinde in Jerusalem geschickt werden soll.

Paulus kündigt seine Kollekte an. Er scheut sich nicht davor, in den vorangegangenen Briefkapiteln einen Vergleich zwischen der Großzügigkeit der Gemeinden zu machen, um damit den Wettbewerb im Kollekte-Geben in Gang zu halten. Hätte es damals schon Überweisungsträger gegeben, dann hätte Paulus sie vermutlich schon ausgefüllt mitgeschickt.  

Das wirkt vielleicht irritierend für heutige Ohren. Aber Paulus versucht einer jungen christlichen Gemeinde, die auch viel mit sich und ihren Problemen beschäftigt ist, den Blick in die Weite zu öffnen. Er möchte, dass Menschen verstehen, dass sie ein Teil vom großen Ganzen sind. Und dass sich das große Ganze aus der Gnade Gottes speist.

Dieses Bewusstsein gilt nicht nur für die Korinther, sondern auch für alle nachfolgenden Gemeinden. Der Brief mit seinem Anliegen gilt auch uns, den heutigen Gemeinden. Denn auch bei uns neigen Menschen dazu, sich auf das Eigene zu konzentrieren.

Um zu erklären, was er meint, greift Paulus auf eine alltägliche Erfahrung zurück. Er spricht vom Säen und Ernten. Er schreibt davon, mit welcher Haltung wir die Saat ausbringen und die Ernte einfahren.

Jeder Landwirt wird dem zustimmen: Wer kärglich sät oder schlechtes Saatgut verwendet, wird die Rechnung spätestens mit der Ernte bekommen. Paulus meint, dass sich bei aller Sorgfalt der Segen Gottes darauf legen muss. So wird schon in den ersten Sätzen deutlich: es geht Paulus nicht um volle Scheunen und Speisekammern, sondern um die gefüllten Regale in den Herzen.

Die eigentliche Ernte liegt auf einem anderen Acker. Es geht Paulus um Glaubensfrüchte, um eine reiche Ernte des Glaubens, die zum Teilen der Gaben führt. Befreit von Ängsten und Sorgen um das eigene Wohlergehen wächst die Bereitschaft zu sehen, was andere brauchen und was ihnen hilft. Das kann sichtbar werden in der Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem, um Arme und Bedürftige dort zu unterstützen.

Das Teilen soll aber nicht mit moralischem Druck erreicht werden. Es soll anders laufen als bei der elterlichen Mahnung an die eigenen Kinder, von der Schokolade, den Keksen oder anderem etwas abzugeben. Das führt leicht zu einer Enttäuschung und macht das Teilen halbherzig.

Nein, Teilen stärkt Freundschaften und kann sogar Spaß machen. Und wer fröhlich gibt, den hat Gott lieb. Und dann liegt Segen auf dem Teilen.  

Eine Kollegin erzählt: Bei uns an der Tür klingeln gelegentlich Obdachlose. Ich habe eigentlich immer dieselben Dinge, die ich gebe: Tee, Obst, eine Suppendose. Einmal waren meine Vorräte aufgebraucht und ich gab dem Herrn Geld. Als ich eine halbe Stunde später beim Bäcker hielt, saß er dort. Vor sich ein Stück Himbeertorte und eine Tasse Kaffee. Mein Kopf wollte losschimpfen, ob er nicht etwas Sinnvolleres hätte kaufen können. Aber als sich unsere Blicke durch die Scheibe trafen, strahlte er mich an – und mein Herz schämte sich. Seitdem gebe ich anders. Eine Tafel Schokolade oder Kekse gehören nun auch zum Standartpaket. Tatsächlich macht es mein Herz fröhlicher, nicht nur das Notwendigste zu geben, sondern auch ein Stück Lebensfreude zu feiern.

Nach der Flutkatastrophe haben wir gesehen, wie groß bei uns die Bereitschaft ist zu teilen. Und die Erntedankgaben heute zeigen das auch.

Dabei gibt es auch kritische Gedanken. Wir rechnen auf.

Wir schauen auf das, was wir geben und was dabei herauskommt. Das ist auch in der Landwirtschaft so. Unsere Landwirte säen und ernten – schließlich leben wir alle davon. Es gibt Betriebe mit Getreide, mit Rindern, Kühen und Geflügel und vielem mehr. Es wird ausgebracht und es wird eingebracht, verkauft und gekauft. Und es kommt mehr zurück, als wir geben.

Der Altarschmuck und die Erntekrone zeugen von diesem Geben und Nehmen. Doch irgendwie hat sich ein Gefühl von Entfremdung eingeschlichen. Produzenten und Konsumenten kennen sich kaum noch, Masse und Preis sind wichtiger als die Menschen, die geben und nehmen. Und viele fragen sich: wer gibt eigentlich wem was – und wie? Liegt da noch überall Segen drauf?

Die Früchte auf dem Altar spiegeln die Fülle wider, in der unser Land lebt. Sie sind Symbol für all das, was gesät und geerntet wurde – weil Gott es wachsen lässt. Wir geben diese Fülle weiter – auch mit seinem Segen. Und in den nächsten Tagen werden wir die Gaben zur Suppenküche bringen, damit auch andere leben können.

Am Ende des Gottesdienstes werden wir die Kollekte für Brot für die Welt sammeln. Wir wissen, dass das Teilen leider nicht immer gerecht zugeht – bei uns nicht und weltweit schon gar nicht.

Wie viel Sie dann geben, ist nicht so wichtig. Hauptsache, Sie tun es gern. Amen.

Fürbitten

Wir beten:

Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!

Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.

Du hast uns Menschenkinder hineingesetzt in deine Schöpfung und in deinen Reichtum. Wir sollen bewahren; das ist unser Auftrag und unsere Verantwortung seit Beginn.

So hilf, dass wir nicht versagen unter dem Drängen des immer mehr und immer billiger. Lass uns innehalten und auf das sehen, was du in unsere Hände gelegt hast. Lass uns mit dir sagen: „Siehe, es ist sehr gut.“

 

Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!

Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.

Wir haben oft mehr als das tägliche Brot und leben im Wohlstand.

Doch immer mehr Menschen fehlt das Nötigste zum Leben.

Besonders Kinder und Jugendliche haben oft wenig zu essen.

Deine kluge Ordnung ist durcheinander geraten.

So hilf uns, dass wir nicht versagen beim Nehmen und Geben.

Lass uns nicht wegsehen bei der Not unserer Mitmenschen.

Lehre uns geben mit frohen Herzen ohne Hochmut.

 

Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!

Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter.

Dafür sagen wir Dank! Verantwortlich wollen wir deine Schöpfung bewahren.

So gib den politisch Verantwortlichen Vernunft und Kraft, sich für gesunde Lebensmittel und ihren regionalen Vertrieb einzusetzen.

Gib den Landwirten deinen Segen für ihre Arbeit und Mut zur Veränderung, die Not tut. Gib uns Verbrauchern das Verstehen, dass Lebensmittel ihren Preis haben müssen und wertvoll sind. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn. – Gott sei ewiglich Dank.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir

und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich

und schenke dir Seinen Frieden.

Amen.