4. Sonntag nach Trinitatis - 27. Juni 2021

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Helmut Gerisch

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, 2

Um unser Miteinander wird es heute gehen, um Achtsamkeit und Kränkungen. Wie kann es gelingen, für einander da zu sein?

Ich begrüße Sie herzlich zum Gottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis!

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Wir kommen als Gottes Gemeinde zusammen. Und als Gottes Kinder, jedes für sich, kommen wir vor ihn. Niemand bleibt in seinem Leben ohne Schuld. Deswegen nähern wir uns Gott mit der Bitte um seine Vergebung.

Guter Gott, du tröstest und hilfst. Du hast uns gezeigt, was Vergebung ist. Lass uns von dir lernen. Amen.

Psalm 42, 2-6

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,

so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Meine Seele dürstet nach Gott,

nach dem lebendigen Gott.

Wann werde ich dahin kommen,

dass ich Gottes Angesicht schaue?

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,

weil man täglich zu mir sagt:

Wo ist nun dein Gott?

Daran will ich denken

und ausschütten mein Herz bei mir selbst:

wie ich einherzog in großer Schar,

mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes

mit Frohlocken und Danken

in der Schar derer, die da feiern.

Was betrübst du dich, meine Seele,

und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,

dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Lesung Lukas 6, 36-42

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Predigt

1. Mose 50,15-21

Als Josefs Brüder begriffen, dass ihr Vater tot war, bekamen sie Angst. Sie dachten: »Hoffentlich ist Josef uns gegenüber nicht nachtragend. Sonst wird er uns all das Böse heimzahlen, das wir ihm angetan haben.«

Darum ließen sie ihm mitteilen: »Dein Vater hat uns vor seinem Tod aufgetragen, dir zu sagen: ›Vergib deinen Brüdern das Unrecht und ihre Schuld! Ja, sie haben dir Böses angetan. Nun vergib ihnen dieses Unrecht. Sie dienen doch dem Gott deines Vaters!‹«

Als Josef das hörte, fing er an zu weinen.

Da gingen seine Brüder zu ihm hin, warfen sich vor ihm nieder und sagten: »Wir sind deine Knechte.« Aber Josef sagte zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa Gott? Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet. Er wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten. Deshalb fürchtet euch nicht! Ich werde für euch und für eure Kinder sorgen.«

Er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

„Man kann sich seine Familie nicht aussuchen.“ Der Mann sitzt vor seiner Kaffeetasse und schaut in die milchbraune Pfütze darin. Graue Haare fallen ihm in die Stirn. Ein paar Schuppen sind auf sein schwarzes Jackett gerieselt. Er streicht die Haare zurück, sieht auf und blickt auf die Frau in den Fünfzigern, die ihm gegenüber sitzt.

Dann lässt er seinen Blick durch die Gaststube mit den dunkel gekleideten Menschen schweifen. Ungefähr die Hälfte von ihnen ist Verwandtschaft. Der Rest sind Freunde und Bekannte. Sie sitzen in Gruppen an den Tischen, essen Butterkuchen und heben ab und zu die Thermoskannen an, um zu sehen, ob noch Kaffee da ist. Manche reden noch über den Vater, der nun seit knapp zwei Stunden neben seiner Frau auf dem Friedhof liegt. Bei anderen ist das Gespräch schon bei der Arbeit, der Politik oder den Enkelkindern angekommen.

„Man kann sich seine Familie nicht aussuchen“, wiederholt er mit Nachdruck. „Du wirst geboren und dann ist die Familie schon da. Vielleicht kriegst du noch Geschwister oder einen Stiefvater, aber darauf hast du keinen Einfluss. Und ob sie dich unterbuttern oder du Mutters Nesthäkchen wirst, entscheidest du auch nicht selbst.“ Die Frau ihm gegenüber schweigt und überlegt, ob sie sich schuldig fühlen soll, weil sie das Nesthäkchen gewesen ist.

„Nicht jeder kriegt die Familie, die er verdient“, setzt er hinzu. „Überhaupt kriegen die meisten nicht das, was sie verdienen. Jedenfalls, wenn ‚verdienen‘ bedeutet, dass man dafür was getan hat. Du kriegst vielleicht Geld für deine Arbeit. Aber ‚verdienen‘? Wenn du den Betrieb deines Vaters erbst und der läuft gut und du kaufst dir einen Mercedes – nicht mal dann hast du dir den komplett verdient. Und wenn du studierst, weil dir deine Eltern in der Schule geholfen und immer neue Bücher gekauft haben – hast du das dann etwa mehr verdient als der Michi aus deiner Klasse, der schon als Zweijähriger Stubenarrest gekriegt und später nicht mal seinen Hauptschulabschluss geschafft hat? Was verdient man überhaupt im Leben? Dass du Krankheiten kriegst oder dein Kind einen Unfall hat?“ Seine Stimme bricht kurz weg. Dann fängt er sich wieder.

„Ich sag dir was. Das eigentliche Problem ist, dass die Leute nicht wahrhaben wollen, dass sie sich fast nichts in ihrem Leben verdient haben. Ihren Erfolg, ihr Haus, ihr Auto, ihre Frau, ihre Gesundheit.

Nimm dir einen beliebigen Lebenslauf. Und dann lass mal plötzlich den liebevollen Papa weg. Oder die Oma, die sich immer gekümmert hat. Oder den tollen Deutschlehrer. Die Ehefrau, die kostenlos den Haushalt und die Kinder versorgt. Oder nimm den Zufall weg, dass du in Deutschland geboren bist und nicht in Somalia. Und so weiter. Dann merkst du, dass du fast nichts von all dem Mist selbst verdient hast. Dass total viel Glück eine Rolle spielt, wenn’s dir gut geht. Aber das wollen die Leute ja nicht wahrhaben. Weil das an ihrem Selbstbewusstsein kratzt. Und wenn sie sich eingestehen würden, dass man das meiste unverdient geschenkt bekommen hat, müssten sie ja vielleicht zu dem Schluss kommen, dass man auch mal was abgeben könnte. Wenn man schon nicht gerecht teilt. Weil noch nie gerecht geteilt worden ist.“ Seine Stimme ist bitter geworden.

Die Frau sieht an ihm vorbei zu einem Mann, der zwei Tische weiter sitzt. Er hat den Gesichtsausdruck eines angemessen trauernden Sohnes. Aber er wirkt nicht trostbedürftig. Er wirkt überhaupt nicht bedürftig, sondern kümmert sich um die Leute um ihn herum. Obwohl er auf die Sechzig zugeht, sieht er attraktiv aus in seinem dunklen Anzug und strahlt Selbstsicherheit und Zugewandtheit aus. Er wirkt wie der Gastgeber hier, dabei haben sich seine vielen Geschwister um alles hier gekümmert.

„Hast du mal mit ihm geredet?“, fragt sie. „Ich bin doch nicht blöd!“, entgegnet er. „Es hat sich nichts geändert. Es ist genau wie früher. Einer ist der Liebling und die anderen liegen ihm zu Füßen.“

„Einer ist der Liebling“, das kennt man. Manchmal ist es der kleine Bruder, manchmal der Kollege in der Firma, manchmal die Nachbarin. Der Liebling kriegt meistens, was er will. Er weiß, wie man sich bei denen, die Einfluss haben, lieb Kind macht. Die anderen müssen eben zusehen. Manchmal ist das nur anstrengend, aber richtig weh tut es unter Geschwistern.

Wer sich in der Kindheit ungerecht behandelt fühlt, vergisst das nicht. Im Gegenteil. Oft wird es schlimmer mit zunehmendem Alter. Alle Gefühle von Ungerechtigkeit und Zurücksetzung sind wieder da. Und all die Fragen. „Hast du meine Schwester wirklich mehr gemocht als mich? Oder hat es nur so ausgesehen?“ „Warum hat unser Bruder den Betrieb allein geerbt und nicht wir alle zusammen? Hatten wir anderen deine Zuneigung nicht verdient?“ Wenn man das aber die Eltern nicht mehr fragen kann, weil sie inzwischen verstorben sind, muss man wohl oder übel ohne Antwort weiterleben. Und sich fragen, wem man jetzt die Schuld für das alles geben soll.

In der Geschichte von Josef und seinen Brüdern scheint verhältnismäßig klar, wer böse und wer gut ist: Die Bösen sind die Geschwister, die das Lieblingskind ihres Vaters nach Ägypten verkauft haben. Sie haben sich von ihrer Eifersucht zu einem Verbrechen hinreißen lassen und ihren Vater belogen und getäuscht. Ihr Bruder Josef dagegen ist der Gute, Edle, der unschuldig zum Sklaven wird, durch eine Intrige im Gefängnis landet, aber dann doch wie Phönix aus der Asche steigt und das Leben eines angesehenen Mannes führt. Er kann es sich am Ende auch leisten, seine ganze Großfamilie mitzuversorgen.

Wenn man nun das Evangelium noch im Ohr hat, verliert die Josefsgeschichte plötzlich etwas von ihrer märchenhaften Eindeutigkeit. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“

Einen Splitter im Auge hat auch Josef. Er hatte ja früher offenbar keine Probleme damit, das Lieblingskind zu sein und bevorzugt zu werden. Im Gegenteil. Er zeigte sein Überlegenheitsgefühl deutlich genug. Natürlich ist das nicht halb so schlimm wie der Verkauf des eigenen Bruders, aber die feine Art ist es auch nicht gerade. In Wirklichkeit hat nicht nur Josef seinen Brüdern etwas zu vergeben, sondern auch umgekehrt. Genau genommen hätte auch der Vater, der seinen Lieblingssohn so deutlich bevorzugt hat, die Vergebung seiner Kinder nötig gehabt.

Lassen sich die aufgestauten Spannungen gänzlich ausräumen, wie es der biblische Text darstellt? Oder wird nicht etwas bleiben von den alten Kränkungen – nach der Unterwerfung der Brüder und der Notlüge, der Vater habe die Versöhnung gewünscht, und der großzügig scheinenden Vergebung Josefs? Hat vielleicht Josef seine Brüder am Ende so bereitwillig versorgt, weil er eingesehen hat, dass er mit seiner Arroganz Anteil hatte am schwierigen Verhältnis? Weil er nicht über die Lippen gebracht hat, dass er auch auf ihre Vergebung angewiesen ist und nicht nur sie auf die seine?

Selten sind Schuld und die Herausforderung zur Vergebung eindeutig verteilt. Im normalen Familienleben ist es meistens komplizierter. Wir sehen die größere Schuld bei anderen und bei uns selbst die kleinere – wenn überhaupt. Wir glauben zu wissen, was wir selbst verdient hätten und was die anderen. Nur: die anderen glauben es auch. Bloß umgekehrt. Deswegen warten alle auf den ersten Schritt des anderen. Und oft vergeblich.

Der gedämpfte Lärm in der Gaststube nimmt ab. Langsam leert sich der Raum. Noch immer sitzt der Mann am Tisch und hält sich an der kalten Kaffeetasse fest. Die Frau ihm gegenüber legt ihm die Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass ich das Nesthäkchen war“, sagt sie. „Ich fand es schön, von allen umsorgt zu werden, aber ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es dich oder euch kränken könnte.“ Überrascht sieht er auf. „Aber ich meine gar nicht dich“, sagte er. „Du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich meine ihn.“ Er sieht zu seinem Bruder hinüber. Dieser wirkt inzwischen nicht mehr so attraktiv und selbstbewusst wie noch vor einer Viertelstunde. Die Freunde der Familie haben sich verabschiedet. Niemand ist mehr da, um den der gut gekleidete Mann sich kümmern könnte. Der letzte Mensch, dessen Lieblingskind er gewesen ist, liegt jetzt unter der Erde. Und obwohl alle seine Geschwister noch da sind, sitzt er jetzt allein und spielt mit den Krümeln auf der Tischdecke. Trotz seiner augenscheinlichen Einsamkeit scheint er noch nicht gehen zu wollen.

Seine Schwester bemerkt es auch. Dann sieht sie ihr Gegenüber an. „Vielleicht bin nicht ich die, die sich entschuldigen muss“, sagt sie. „Aber vielleicht kann er auch nicht so viel dafür, wie wir denken. Vielleicht konnten nicht mal unsere Eltern so viel dafür. Du hast schon Recht: Was verdient man schon in seinem Leben! Unser verkorkstes Verhältnis haben wir alle nicht verdient. Deswegen kann genauso gut ich den Anfang machen.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, höher als alles, was wir überblicken und verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

Gott, deine Augen sehen die Welt. Du übersiehst uns nicht und du übersiehst auch kein Unrecht. Dafür danken wir dir.

Gott, wir bitten dich für alle Länder, in denen die Bevölkerung gespalten ist und die einen die anderen verteufeln: Lass die Menschen einander zuhören und sich darin üben, die anderen zu verstehen.

Gott, wir bitten dich für alle, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und denen das Urteilen nicht erspart bleibt: Für Richter, Anwältinnen und Polizisten, für Menschenrechtler und Aktivistinnen. Gib ihnen ein klares Urteilsvermögen und ein gütiges Herz.

Gott, wir bitten dich für alle Familien, für die zerstrittenen, aber auch die harmonischen und die vielen, die irgendwo dazwischen liegen: Schenke ihnen anhaltenden Frieden, nachwachsende Freude aneinander und ein vertrauensvolles Miteinander.

Gott, wir bitten dich für uns selbst: Nimm von uns die Lust, über andere zu urteilen.

Schenke uns Wohlwollen und Verständnis. Gib uns einen Gerechtigkeitssinn, der den anderen ebenso dient wie uns selbst. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn. – Gott sei ewiglich Dank.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir

und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich

und schenke dir Seinen Frieden.

Amen.