21. Sonntag nach Trinitatis - 01. November 2020

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Prädikant Jürgen Eigenbrodt - Lektorin: Kim Klinker

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Herzlich willkommen zum Gottesdienst in der Pauluskirche!

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 19b

Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele.
Das Zeugnis des Herrn ist gewiss und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz.
Die Gebote des Herrn sind lauter und erleuchten die Augen.
Die Furcht des Herrn ist rein und bleibt ewiglich. Die Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim.
Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen; und wer sie hält, der hat großen Lohn.
Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!
Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen, dass sie nicht über mich herrschen;
so werde ich ohne Tadel sein und unschuldig bleiben von großer Missetat.

Wir beten:

Danke Gott, dass du uns Menschen sendest, die mit uns gehen, die uns Hoffnung geben und uns
auch korrigieren.

Schenke du uns die Gabe, dass wir immer aufs Neue uns versammeln, um uns gegenseitig Kraft zu geben und uns untereinander zu helfen. Gib uns ein Gespür für das, was deine Welt braucht und für das, was wir geben können. Das bitten wir dich, der du mit dem Sohn und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit
euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Ich will doch nur dein Bestes“, diesen Satz haben Sie vielleicht auch schon gehört.

Es gibt Situationen in unserem Leben, da ist ein Blick von außen gut. Ich erinnere mich an Ereignisse in meinem Leben, mit denen ich nicht einverstanden war und die mich unzufrieden machten: Ein von mir durchgeführter
Arbeitsgeberwechsel verlief völlig anders als geplant und gedacht, ein begonnenes Projekt findet kein Ende, vielleicht ist die ganze Arbeit umsonst, Initiativen, die ich starte
, finden keine Begeisterung.
Manchmal sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr oder mein Leben kommt mir vor wie ein Auto, das ständig im Kreisverkehr unterwegs ist und keine Ausfahrt findet.

Vertraute Menschen sind da und geben Hinweise, was zu tun ist. Meine Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Manches leuchtet mir sofort ein, manche treffen den Nagel auf den Kopf, ja genau so denke ich auch und andere kommen mit einer Empfehlung, die einen Reflex hervorruft: Abwehr. Kommt für mich nicht in
frage.

Bei solchen Abwehr Ratschlägen und Abwehr Reaktionen ist ein Satz hängen geblieben, den mir Menschen zugerufen haben: „Ich will doch nur dein Bestes“. Und ich denke: Das soll das Beste für mich sein?  
In den letzten Wochen haben mich viele Nachrichten und
Schriftstücke erreicht. Im Berufsleben, hier in der Gemeinde und in den Tageszeitungen. Verhaltensweisen und Anordnungen, wie in der Pandemie zu verfahren ist. Die Schreiber solcher Verhaltensweisen wollen sicherlich das Beste, wenn es um die Durchführung von Gottesdiensten geht, die Stadtverantwortlichen und Politiker, wenn es um unser Gemeinschaftsleben geht und die Arbeitgeber, wie Beschäftigte sich am besten verhalten sollen. Auch hier gilt, dass mir manches sofort einleuchtet und schlüssig ist, anderes führt zur Ablehnung und zu einem Kopfschütteln.

Vor einigen Tagen erreichte mich eine Mail meines Arbeitgebers. Der neue Stundenplan und die neue Raumverteilung in unserer Hochschule. Da lese ich, dass ich mit den Studierenden in unsere Turnhalle umziehen soll. Kein schöner Unterrichtsraum mehr, keine moderne Technik, ein Verbot
, Unterrichtsmaterial auszuteilen und so weiter und sofort. Ich drucke die Nachricht aus, lese sie zweimal und denke: Passt nicht, kann ich nicht akzeptieren. Die Nachricht landet im Papierkorb.

In unserem Predigttext heute, aus Jeremia 29, die
Verse 1 – 14 erhalten Menschen auch einen Brief, den wir jetzt hören:

1 Jeremia schickte einen Brief aus Jerusalem an die Gefangenen in Babel. Er schrieb an die Überlebenden der Ältesten, an die Priester, Propheten und an alle vom Volk, die Nebukadnezar von Jerusalem in die Gefangenschaft nach Babel geführt hatte. 2 Sie waren alle aus Jerusalem fortgebracht worden: König Jechonja, die Königinmutter, der gesamte Hofstaat, die führenden Minister Judas und Jerusalems und die fähigsten Handwerker. 3 Der Brief wurde durch Elasa überbracht, den Sohn Schafans, und durch Gemarja, den Sohn Hilkijas, die von Zedekia, dem König von Juda, als Gesandte zum babylonischen König Nebukadnezar nach Babel reisten. Jeremia schrieb in seinem Brief: 4 »Der Herr, der Allmächtige, der Gott Israels, schickt allen Verbannten, die er von Jerusalem weg nach Babel in die Gefangenschaft hat führen lassen, folgende Botschaft: 5 `Baut Häuser und richtet euch dort zum Wohnen ein. Legt Äcker und Gärten an und freut euch an den Früchten, die ihr erntet. 6 Heiratet und zeugt Söhne und Töchter. Sucht für eure Söhne Frauen und verheiratet eure Töchter, damit sie Söhne und Töchter zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. 7 Setzt euch ein für den Frieden und das Wohlergehen Babels, wohin ich euch als Verbannte geschickt habe. Betet für das Wohlergehen der Stadt - denn wenn die Stadt, in der ihr gefangen gehalten werdet, Frieden hat, habt ihr auch Frieden.´ 8 Der Herr, der Allmächtige, der Gott Israels, spricht: `Lasst euch von den Propheten, die mit euch nach Babel geführt worden sind, und von den Wahrsagern nicht täuschen. Schenkt auch euren Träumen, die ihr euch erträumt, keinen Glauben. 9 Sie geben vor, in meinem Auftrag zu sprechen, aber ihre Weissagungen sind nur Lügen: Ich habe sie nicht gesandt´, spricht der Herr. 10 `Denn so spricht der Herr: Erst wenn 70 Jahre vergangen sind, werde ich mich wieder liebevoll um euch bemühen. Dann will ich das Gute, das ich euch versprochen habe, in Erfüllung gehen lassen und werde euch wieder in euer Land zurückbringen. 11 Denn ich weiß genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe´, spricht der Herr. `Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung. 12 Wenn ihr dann zu mir rufen werdet, will ich euch antworten; wenn ihr zu mir betet, will ich euch erhören. 13 Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden; ja, wenn ihr ernsthaft, mit ganzem Herzen nach mir verlangt, 14 werde ich mich von euch finden lassen´, spricht der Herr. `Ich will euer Geschick wenden und euch aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch vertrieben habe, zusammenbringen´, spricht der Herr. `Ich will euch wieder dorthin zurückbringen, von wo ich euch fortgejagt habe.´

Ich stelle mir vor, dass dieser Brief zu Kopfschütteln und Abwehr-Reaktionen geführt hat. Der Propheten Brief richtet sich an Menschen, die vertrieben wurden aus ihrer geliebten Heimat. Die Menschen sitzen dort, sie waren rausgerissen aus allem, was für sie vertraut war. Alles ist plötzlich ganz anders. Sie lebten dort als Fremde in einem anderen Land. Sie wussten nicht, wie es weitergehen wird. Von Gott fühlten sie sich verlassen und ohne einen Tempel konnten sie keinen Gottesdienst feiern. Und nun kommt endlich ein Brief. Ihre Erwartungen werden entsprechend hoch gewesen sein. Der Briefinhalt wird viele umgehauen haben. Unmöglich
, was da von uns verlangt wird. Wer den Brief, den wir gerade gehört haben, zusammenfasst, entdeckt 5 Punkte (to do´s):
Gebt nicht auf! Lebt! Habt Anteil am Leben! Gestaltet es mit (betet und baut)! Setzt darauf, dass es weiter geht!

Können wir uns das Vorstellen?
In einem fremden Land als Unterdrückte, als Menschen zweiter Klasse, sich für das Land und die Menschen dort einzusetzen und dafür zu beten? Gott auch in der Fremde an unserer Seite zu wissen. Und all das soll auch noch 70 Jahre so weitergehen, dass bedeutet doch für die meisten, dass sie nicht mehr zurückkönnen in ihre Heimat und alles endgültig ist.

Einige Menschen werden sicherlich auch eine Trotz- Reaktion
eingenommen haben. Kommt nicht infrage, was da von mir verlangt oder erwartet wird, mit mir nicht!

Nun sitzen wir ja hier nicht als Vertriebene, die wir diesen Brief hören, sondern als Mitbürger dieser Stadt oder als Mitglieder dieser Gemeinde oder als Menschen, die gerne hierherkommen
. Vielleicht haben sie auch noch Erinnerungen an die Zeit, als sie nach Hagen gekommen sind, nach Wehringhausen, hier in diese Gemeinde. Wie haben sie das erlebt, plötzlich in einer neuen Stadt, einer neuen Umgebung, andere Menschen. Wie ist es ihnen gelungen, hier Fuß zu fassen, was vermissen sie, wo fehlt ihnen Heimat?
Als geborener Hagener und waschechter Wehringhauser kann ich diese Frage nicht beantworten. Aber auch ich mache immer wieder eine Reise durch die Zeit durch die Vergangenheit. Wenn ich sonntags zwei Gottesdienste feiere, dann fahre ich von der Pauluskirche hier zum Kuhlerkamp. Vorbei an dem Haus, wo ich die ersten 20 Jahre gelebt habe, vorbei an den Plätzen, an denen ich gespielt habe, vorbei an den Geschäften, wo ich eingekauft habe. Erinnerungen werden wach und doch ist vieles nicht mehr so wie früher nicht mehr da und hat sich sehr verändert. Heimat und Vergangenheit sind manchmal zwei Seiten einer Medaille. Die Menschen in Babylon denken zurück an die schönen Zeiten dort und
sitzen auf gepackten Koffern. Wann geht es endlich zurück. Der Brief gibt ihnen keine Antwort. Ganz im Gegenteil. Sie sollen die Gegenwart und die Zukunft gestalten: Häuser bauen, Familien gründen und beten.

Und wir hier in Hagen – Wehringhausen? Vielleicht fühlen wir uns im Moment auch Vertrieben aus einer Zeit, in der alles viel besser und schöner war? Noch vor wenigen Monaten konnten wir fast alles unternehmen. Und heute. Abstand/Vorsicht/Rücksicht. Wie lange soll das noch so weiter gehen. Und welcher Brief könnte uns richtig zufriedenmachen.
Morgen ist alles wieder wie früher?

Jeremia warnt die Hörer vor solchen Leuten, die schnelle Lösungen haben, die uns das erzählen, was wir gerne hören wollen.
Der Brief des Propheten möchte die Menschen damals und uns heute befreien aus einer Vergangenheitsfalle. Wir sollen uns einrichten am neuen Ort und ich füge hinzu, in der Gegenwart.

Wir sollen für die Stadt und unseren Stadtteil das Beste suchen und für die Menschen in unserer Stadt. Und dieser Auftrag richtet sich nicht an Vertriebene, sondern an uns alle. Was hat
es nicht alles an Veränderungen gegeben. Aber auch ist doch so viel neues Geschehen und entstanden in unserer Stadt und den Stadtteilen.

Verschiedene gesellschaftliche Gruppen machen sich auf und suchen das Beste für neue Herausforderungen. Wir nennen das heute Quartiersmanagement und soziale Projekte in den Stadtteilen. Neuer Platz entsteht, wo alte Gebäude abgerissen werden, andere Plätze wie der Wilhelmsplatz oder der Bodenschwingplatz erhalten eine neue Optik und werden wieder modernisiert. Soziale Projekte werden installiert, damit Integration und Migration möglich ist, Ansprechpartner für Suchtkranke in den Bezirken, Tafeln für Menschen und soziale Einrichtungen, Gottesdienste für unbedachte und Kirchengemeinden, die neues ausprobieren, die informieren, wie ein 1. Advent oder Heiligabend gefeiert werden kann.

Der Brief soll ein Wegweiser dafür sein, dass uns keine Vergangenheit so festhält, dass wir keine Augen mehr für die Gegenwart haben. Schaut nicht zurück, sondern lebt jetzt.

Im Jahr 1978 ist es der Gruppe Boney M mit dem Song: „River of Babylon“ gelungen, die Charts weltweit zu erobern. Das Lied enthält einen Vers aus dem 137 Psalm, der zu unserem Predigttext passt: „An den Wassern Babylons saßen wir und weiten, wenn wir an Zion gedachten“.

Das Lied greift diesen Vers immer wieder auf, aber es bringt die Menschen, die dieses Lied hören, in Bewegung. Und genau diese Absicht verfolgt Jeremia mit seinem Brief. Da wo Trauer, Wut und entsetzen herrscht, wo Menschen alles verloren haben, heimatlos und entwurzelt sind, wo Menschen keine Zukunftsperspektiven haben, möchte dieser Brief Mut machen.

Ein Brief, den Gott höchstpersönlich in Auftrag gegeben und diktiert hat. Ein Brief, der ein zurück in die Zukunft enthält. Ein Brief an Menschen, die Gott fern erleben, er ihnen aber ganz nahe sein will.

Ein handgeschriebener Brief, kein protziger Twitterspruch, keine knappe WhatsApp Nachricht voller Abkürzungen.‘

Wo Christen mit diesem Brief leben und Zukunft pflanzen, da kann Frieden entstehen. Frieden in einer Stadt mit sozialen Problemen, Frieden in einer Stadt mit unzähligen Kulturen, Frieden in einer Stadt mit unterschiedlichen Religionen. Und Frieden, so meint es das Alte Testament auch, führt dann auch bei uns zu einem Zu-Frieden sein.

Gott traut uns allen zu, dass wir uns für das Gemeinwesen einsetzen. Den Menschen damals und uns heute. Deshalb will er das Beste. Und wenn Menschen mir künftig etwas zu sagen haben, die doch nur das Beste wollen, dann ich will ich noch einmal darüber nachdenken. Meinen Unterricht habe ich inzwischen einige Male in der Turnhalle verrichtet. Irgendwie hat es funktioniert. Statt an Fitnessgeräten arbeiten wir an Denksportaufgaben und irgendwie hatte die Nachricht das zerknüllte Schreiben dann doch einen Sinn. Vielleicht hätten manche Menschen damals auch den Brief am liebsten zerknüllt und entsorgt, aber so ist er aufbewahrt, hat Menschen bewegt und Spuren hinterlassen. Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle menschliche Vernunft, der behüte und bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen.

Fürbitten

Dich bitten wir für alle Brüder und Schwestern, dass sie ihren Glauben in dieser Welt leben können.
Zu dir rufen wir: Herr Erbarme Dich

Dich bitten wir für die, die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden.
Zu dir rufen wir: Herr Erbarme Dich

Dich bitten wir für deine Kirche. Dass sie ihren Auftrag nicht verliert und die Liebe zu den Menschen nicht vergisst.
Zu dir rufen wir: Herr Erbarme Dich

Dich bitten wir für die Menschen, die von der Kirche enttäuscht sind, die Glauben und Hoffnung verloren haben.
Zu dir rufen wir: Herr Erbarme Dich

Dich bitten wir für die, die leiden unter dem Zustand der Welt, unter Gewalt und Bedrohung.
Zu dir rufen wir: Herr Erbarme Dich

Gib Mut und Hoffnung allen Menschen und hilf uns in Frieden miteinander zu leben.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich!

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden. Amen.