16. Sonntag nach Trinitatis - 19. September 2021

Lesegottesdienst aus der Pauluskirche von Pfarrer Martin Schwerdtfeger

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. 2. Tim 1,10b

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm 68

 

Die Gerechten aber freuen sich

und sind fröhlich vor Gott

und freuen sich von Herzen.

Singet Gott, lobsinget seinem Namen!

Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt;

er heißt Herr. Freuet euch vor ihm!

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen

ist Gott in seiner heiligen Wohnung,

ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt,

der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe;

aber die Abtrünnigen bleiben in dürrem Lande.

Gelobt sei der Herr täglich.

Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

Wir haben einen Gott, der da hilft,

und den Herrn, einen Herrn, der vom Tode errettet.

Gebt Gott die Macht! Seine Herrlichkeit ist über Israel

und seine Macht in den Wolken.

Zu fürchten bist du, Gott, in deinem Heiligtum.

Er ist Israels Gott.

Er wird dem Volk Macht und Kraft geben.

Gelobt sei Gott!

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Wir beten:

Guter Gott, deine Barmherzigkeit leuchtet immer wieder auf. Trotz unserer Fehler und Versäumnisse, trotz der vielen Umwege, die wir gehen, oft genug an dir vorbei. Wir danken dir für deine Güte und bitten dich um deine Nähe, heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Lesung Johannes 11,1.3.17-27.38b-45

Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein weg.

Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen!

Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Klagelieder 3,22-26.31-32

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.

Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde,

Klagen ist erlaubt. Und Weinen auch. Sich dem Schmerz und dem Schrecken stellen. Zeigen, wie verletzt man ist. Es aussprechen, vielleicht auch hinausschreien.

Das ist in unserer Kultur nicht üblich. Das macht man nicht. In südlichen Ländern, etwa in Palästina, gibt es noch Klageweiber, die bei einer Todesnachricht aufheulen und ihr Leid zum Himmel richten. Bei uns reagieren Menschen eher stumm und nehmen Abschied „in stiller Trauer“.

Warum ist das so? – Meinen wir, wir könnten besser allein oder im kleinen Kreis Trauer verarbeiten? Schlucken wir lieber herunter als unserem Jammer Ausdruck zu geben?

„Nicht jammern!“ Diese Aufforderung haben wir früh verinnerlicht. Bloß nicht in Selbstmitleid verfallen! Keine Schwäche zeigen! Aufstehen, wenn man gefallen ist, und andere nicht mit dem eigenen Schmerz belasten!

In den biblischen Psalmen und in den Klageliedern Jeremias wird anders mit Trauer umgegangen. Dort ist die Klage ein Weg, Gott sein Leid hinzuhalten: Lass uns nicht allein! Jetzt haben wir dich besonders nötig.

Im Jahr 586 vor Christus hatten die Babylonier den Staat Juda ausgelöscht. Jerusalem und der Tempel waren teilweise zerstört. Der Krieg Judas gegen die Babylonier war verloren. Es war eine einzige Katastrophe. Jerusalem lag in Trümmern. Jerusalem!

Das war nicht irgendetwas Belangloses. Hier pulsierte einst das religiöse Leben. Und das Schlimmste von allem war: Den Tempel gab es nicht mehr. Den Tempel Salomos! Jenes großartige Bauwerk. Das Zeichen für Gottes Gegenwart. – Man kann sich kaum vorstellen, wie den Menschen zumute war.

Jeremia findet dafür Worte:

Ach, wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen. Zion streckt ihre Hände aus und doch ist niemand da, der sie tröstet.

Ich habe mir fast die Augen ausgeweint, mein Leib tut mir weh, mein Herz ist auf die Erde ausgeschüttet über dem Jammer der Tochter meines Volks, weil die Säuglinge und Unmündigen auf den Gassen in der Stadt verschmachten. Zu ihren Müttern sprechen sie: „Wo ist Brot und Wein?“, da sie auf den Gassen in der Stadt verschmachten wie die tödlich Verwundeten und in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgeben.

Weil Jeremia nichts herunterschluckt, sondern klagt, deshalb kann er noch einmal anders auf das Leid schauen und es einordnen. Was geschehen ist, hat auch damit zu tun, was wir falsch gemacht haben. Wir sind von Gottes Wegen abgewichen. Wir tragen Verantwortung.

Und dann kann er auch sehen: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

Wir leben und können mit Gottes Hilfe neu anfangen.

Der Prophet drückt in seinen Klageliedern den ganzen Kummer aus, der die Menschen bedrückt. Aber er, der Prophet, der eigentlich gar kein Prophet werden wollte, vermittelt dem so bedrückten Volk auch die Hoffnung und den Zuspruch: Ihr seid im Augenblick betrübt. Aber ihr seid nicht ewig verstoßen. Da gibt es nämlich Gottes mitfühlende Liebe. Er ist gütig. Er ist barmherzig. Sein Erbarmen scheint in all dem, was euch im Moment zugemutet wird, schon durch.

Das ist der Höhepunkt der Klagelieder: die Erfahrung, dass Gott sein Volk verworfen hat, wird unerwartet in Vertrauen umgewandelt.

Jeremia empfiehlt seinen Zuhörern Hoffnung und Geduld. Ja, das Volk versteht den Plan Gottes nicht. Aber Gott ist treu. Und deshalb kann sein Volk auf Rettung hoffen.

Martin Luther King hat diesen Trost so in Worte gefasst: „Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

Klagen ist etwas anderes als Jammern. Es bedeutet, den Gesprächsfaden zu Gott nicht abreißen zu lassen. Ihn an seine Versprechen zu erinnern: „Ich werde für euch da sein.“ Und: „Fürchtet euch nicht!“

Gott wird sich wieder erbarmen. Und diese Hoffnung des Jeremia hat Jesus von Nazareth bestärkt, als er seinen Freund Lazarus auferweckt hat. Ein Hinweis auf das Kreuz und die Auferstehung Jesu selbst. Amen.

Fürbitten

Lasst uns beten zu Gott,

der uns mit seiner Barmherzigkeit nahe ist:

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Für alle Menschen, die frohen Mutes leben, die sich auf ein persönliches Ereignis freuen und erwartungsvoll darauf zugehen:

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Für die vielen, die sich Sorgen machen um unsere Erde und sich für den Erhalt der Schöpfung einsetzen.

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Für alle, die von der Flut und der Pandemie besonders betroffen sind und für die, die Entscheidungen treffen müssen: Bürgermeister, Hausbesitzer und Arbeitgeber, Kranke und Pflegekräfte, Virologen und Politiker, Erzieherinnen und Ärzte.

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Für die Menschen, die in den Kriegs- und Krisengebieten der Erde auf eine bessere Zukunft hoffen.

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Für alle, die dafür sorgen, dass auch in diesen Zeiten die Botschaft der Kirche die Menschen erreicht im Wort und durch die Musik, durch Gebet und Werke der Barmherzigkeit.

Barmherziger Vater, wir bitten dich, erhöre uns.

 

Guter Gott, begleite uns auf allen unseren Wegen mit deiner Barmherzigkeit.

Schenke uns die Zuversicht des Glaubens.

Dein ist die Zeit, heute und in Ewigkeit. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn. – Gott sei ewiglich Dank.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir

und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich

und schenke dir Seinen Frieden.

Amen.