12. Sonntag nach Trinitatis - 22. August 2021

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Tobias Busch

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Mit dieser Zusage begrüße ich Sie herzlich zum Gottesdienst – heute, am 12. Sonntag nach Trinitatis.

Eröffnung

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Wir beten mit Psalm 147

Lobet den Herrn!

Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding,

ihn loben ist lieblich und schön.

Der Herr baut Jerusalem auf

und bringt zusammen die Verstreuten Israels.

Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind,

und verbindet ihre Wunden.

Er zählt die Sterne

und nennt sie alle mit Namen.

Unser Herr ist groß und von großer Kraft,

und unermesslich ist seine Weisheit.

Der Herr richtet die Elenden auf

und stößt die Frevler zu Boden.

Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,

die auf seine Güte hoffen. Amen.

Lesung Jesaja 29, 17-24

Nicht wahr? Es dauert nicht mehr lange, dann wird das Libanongebirge zu fruchtbarem Land. Das ist so dicht bewachsen wie ein Wald.

Dann können diejenigen, die taub waren, wieder hören und die Worte des Buches verstehen. Die Blinden können wieder sehen und werden aus Dunkelheit und Finsternis befreit. Die Erniedrigten haben ihre Freude am Herrn, die Armen jubeln über den Heiligen Israels.

Denn es ist aus mit den Gewalttätern, die Schwätzer sind am Ende. Vernichtet sind alle, die Böses im Sinn hatten. Niemand verleumdet mehr andere vor Gericht oder stellt dem eine Falle, der im Tor Urteile fällt. Keiner bringt den Unschuldigen grundlos um sein Recht.

Darum spricht der Herr, der Abraham befreit hat, zu den Nachkommen Jakobs: Jetzt braucht sich kein Israelit mehr zu schämen, niemand muss mehr blass werden vor Schreck.

Wenn sie die Kinder sehen, die ich ihnen schenke, werden sie meinen Namen heilig halten. Sie werden den Heiligen Jakobs heilig halten und den Gott Israels verehren. Dann kommen die Verwirrten zur Einsicht, und die Aufsässigen lassen sich belehren.

Halleluja. Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Halleluja.

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Markus 7,31-37

Aus der Gegend der Hafenstadt Tyrus kommend ging Jesus durch Sidon an den See von Galiläa mitten in das Gebiet der zehn Städte, der Dekapolis.

Da brachten sie ihm einen Menschen, der taub war und nur mit Mühe sprechen konnte. Sie baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Jesus nahm ihn beiseite, weg von der Menschenmenge, drückte seine Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Spucke. Dann schaute er in den Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: »Ephata«, das heißt: »Öffne dich!« Sofort wurden ihm die Ohren geöffnet, die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete verständlich.

Jesus gab ihnen die Anweisung, niemandem davon zu erzählen. Aber je öfter er ihnen dies befahl, umso mehr verkündigten sie es. Überwältigt sprachen sie: »Gut hat er alles gemacht. Die Tauben verwandelt er in Hörende und Stumme in Sprechende.« 

 

Liebe Gemeinde,

Sprache ist mir sehr wichtig. Mit ihr kann ich mich austauschen, kann meine Gedanken mit anderen teilen, meine Wünsche, Hoffnungen und Kümmernisse ausdrücken. Und ich kann hören und verstehen, was andere bewegt. Gesten und Mimik können das unterstützen, allein – ohne Worte – sind sie leicht mehrdeutig oder auch missverständlich.

Sprache kann wichtige Informationen vermitteln und sie kann als Gedicht oder Roman etwas vom Leben erzählen. Sie kann zum Nachdenken bringen, zum Lachen oder auch zum Weinen.

Wie wichtig Sprache ist, merke ich, wenn sie mir fehlt. Weil jemand in einer mir fremden Sprache spricht oder wenn beim Fernsehen der Ton ausfällt oder wenn irgendein Lärm die Worte überdeckt.

Unser Predigttext erzählt von einem Gehörlosen, der zu Jesus gebracht wird, damit der ihn heilt. Jesus nimmt ihn beiseite, berührt seine Ohren und seine Zunge mit Spucke und sagt: „Ephata, tu dich auf!“ So angerührt und angesprochen kann der Mensch hören und sprechen.

Bevor Jesus spricht, benutzt er Körpersprache und Spucke. „Da kommt Spucke drauf!“, hieß es in meiner Jugend und sie half bei Insektenstichen oder leichten Verbrennungen.

Jesus berührt den Gehörlosen also und dann spricht er zu ihm und der fühlt, hört und beginnt zu sprechen.

Das erinnert an eine andere Redewendung: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Wer die Warnung der Eltern nicht beachtet vor Feuer oder einer heißen Herdplatte, der muss sich wohl erst verbrennen, muss selbst die Erfahrung machen, dass man sich vor Hitze besser in Acht nimmt.

In unserer Erzählung aber geht es um jemanden, der nicht hören kann. Der ausgeschlossen ist aus jedem Gespräch. Heute können auch Gehörlose sprechen lernen und außerdem haben sie noch eine eigene Sprache, die Gebärdensprache. Zur Jesu Zeit gehörten sie einfach nicht dazu.

Nicht hören zu können ist eine gesundheitliche Einschränkung. Sie kann durch Schrift oder Gebärdensprache ausgeglichen werden. Oder durch ein Hörgerät.

Manchmal gelingt uns aber auch schon nicht, einander zuzuhören. Weil wir gerade mit etwas Anderem beschäftigt oder zu müde sind. Oder weil wir nicht erwarten, dass das Gegenüber uns etwas zu sagen hat. Und manchmal hören wir nicht auf die Bitte des Anderen.

Im Markusevangelium kommt immer wieder vor, dass Jesus nach einer Heilung seine Jünger auffordert, nicht darüber zu reden. Aber sie halten sich nicht daran. Und wie ein Lauffeuer breiten sich die Nachrichten aus.

Jesus möchte nicht, dass er für Wunderheilungen bestaunt wird. Ihm geht es um die Herrlichkeit Gottes. Seine Jünger sollen nicht über den tollen Rabbi reden, sondern Gott anbeten, ihn loben und ihm danken.

Statt zu reden geht es eher um Schweigen – beim Zuhören, Staunen und Beten.

Gott versucht immer wieder, sich uns Menschen verständlich zu machen. Aber es zieht sich durch das Alte Testament, dass Menschen nicht auf ihn hören. Das „Nicht-hören-wollen“ beginnt schon bei Adam und Eva, die sich nach der Apfelgeschichte vor Gott versteckten und nicht auf sein suchendes Rufen reagierten. Und es geht weiter bis zum Propheten Jesaja, bei dem verstockte Menschen nicht hören und sehen, was Gott von ihnen will – und was Gott für sie will. Immer wieder spielt Markus in seinem Evangelium auf diesen Kommunikationsabbruch zwischen Gott und Mensch an – bis er dann endlich diese wunderbare Geschichte erzählt von einem Menschen, der durch Jesu Hilfe hören und reden kann: von einem Menschen, der nun zuhören und mitreden kann – auch mit Gott.

Und wie versteht man – nach Meinung des Markus – Jesus richtig?

Wer nicht hören will, muss fühlen?

Nein, anders:

Weil wir Menschen nicht hören können, übernimmt Gott alle Gefühle: allen Schmerz und alle Enttäuschung und alle wütende Trauer und traurige Wut. Schließlich dann auch noch die Todesangst und die Todesqualen am Kreuz.

Gott nimmt alles auf sich und hält das aus und trägt es mit Jesus durch den Tod. Weil wir Menschen nicht hören können, will Gott fühlen: ein merkwürdiger Lastenausgleich, dieses Geheimnis des Glaubens! Gott lässt also nicht uns fühlen, was wir nicht hören wollen, sondern stellvertretend fühlt er an unserer Stelle. Nicht wir tragen die Konsequenzen unseres Hörversagens, sondern Jesus trägt das Kreuz.

Dann, nach Ostern, gibt es den Auftrag, vom Sohn Gottes zu erzählen und von dem neuen Leben, das mit ihm beginnt. Dazu sind wir aufgerufen, in unser Leben und Handeln hineinzunehmen, was wir von Jesus hören über Liebe, Vertrauen und Gerechtigkeit.

Unser Hören und Reden und unser Handeln sind gefragt. Gott rührt uns an und spricht zu uns. Amen.

Fürbitten

Gott, im Gebet vertrauen wir dir an, was und wer uns besonders wichtig ist.

Wir beten für alle Menschen, die nicht mehr erkennen und begreifen können,

wie du diese zerrissene Welt heilen wirst:

Sei bei ihnen in ihrer Glaubensnot und heile ihre Zweifel.

 

 

Wir beten für alle Menschen, die selber zerrissen werden in Kampf und Terror dieser Welt:

Tröste sie in ihrem Schmerz und in ihrem Leid

und lass sie deine Nähe spüren.

 

 

Wir beten für alle Menschen, die schweres Leid zu tragen haben

an ihrem Körper oder an ihrer Seele:

Wende dich ihnen zu; gib ihnen Zeichen deiner Nähe.

 

 

Wir beten auch für alle Menschen, die dich und deinen Namen missbrauchen, Gott,

wenn sie unter dem Deckmantel von Religion

eigene Interessen verfolgen:

Lass sie ihr Gewissen spüren,

bis sie es ehrlich meinen mit dir und sich selbst.

 

 

In einem Augenblick der Stille

sagen wir Gott die Namen der Menschen,

die seine Nähe in der neuen Woche besonders nötig haben: …

Vater Unser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn. – Gott sei ewiglich Dank.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir

und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich

und schenke dir Seinen Frieden.

Amen.