11. Sonntag nach Trinitatis - 23. August 2020

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Norbert Frontzeck

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 1. Petrus 5,5b

Herzlich willkommen zum Gottesdienst am 11. Sonntag nach Trinitatis!

Gott hat es schwer mit uns. Er möge unsere Urteile und Vorurteile auflösen und uns liebevoll begegnen.

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Psalm dieses Sonntages ist der 145. Psalm:

Ich will dich erheben, mein Gott, du König,

und deinen Namen loben immer und ewiglich.

Ich will dich täglich loben

und deinen Namen rühmen immer und ewiglich.

Der HERR hält alle, die da fallen,

und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.

Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen

und gnädig in allen seinen Werken.

Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen,

allen, die ihn mit Ernst anrufen.

Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,

und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

Der HERR behütet alle, die ihn lieben,

und wird vertilgen alle Gottlosen.

Mein Mund soll des HERRN Lob verkündigen,

und alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen immer und ewiglich. Amen.

Lesung 2. Samuel 12, 1-10.13-15A

Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm:

Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte.

Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt's wie eine Tochter.

Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war. Und er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!

So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen in deinen Schoß, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun.

Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durch das Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.

Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim.

 

 

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Lukas 18,9-14

Jesus sagte zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Liebe Gemeinde,

es stimmt, benzinfressende Autos sind mitverantwortlich für den Klimawandel. Es stimmt, Flieger sind ein Klimakiller. Es stimmt, schwimmende Städte mit 4.000 Leuten an Bord machen das Ökosystem des Meeres kaputt. Es stimmt, Billigfleisch ist für das Klima schädlich. Und es stimmt, unser Plastikverbrauch tötet das Leben in den Meeren ab.

Alles richtig soweit. Und es ist ja auch richtig, dass Fahrradfahren klimafreundlich ist. Es ist auch richtig, dass Flugscham angebracht ist. Es ist auch richtig, dass Kreuzfahrten boykottiert werden sollten. Es ist ja auch richtig, wenn Menschen sich bewusst für vegetarische oder vegane Ernährung entscheiden. Und es ist ja auch richtig, wenn Plastik aus den Regalen und beim täglichen Einkauf verschwinden muss.

Aber verläuft zwischen diesen beiden Polen, zwischen richtig und falsch, die neue Unterscheidung von guten und bösen Menschen, zwischen Zöllnern und Pharisäern? Da sind die Einen, die sich mit den Verhältnissen abgefunden haben und auf ihren Vorteil bedacht sind, und die anderen, die mit dem Finger auf sie zeigen.

Sind die Klimasünder von heute die alten Zöllner und die Klimaaktivisten die neuen Pharisäer?

Nein, einfache Antworten gab und gibt es nie, sonst landen wir da, wo wir schon einmal waren: bei Verteufelung, Bespitzelung, Bevormundung und dem Einheitsdenken. Es häufen sich die Vorurteile und die Vorverurteilungen. Das soll keiner wollen ...

Aber einfache Antworten wollten auch die Jünger von Jesus: Was ist richtig und was ist falsch, was ist gerecht? Jesus antwortet mit verschiedenen Beispielgeschichten, und unter anderem auch mit unserer heutigen. Wieder ist die Antwort nicht so einfach, wie sie Menschen gerne hören wollten. Auch Jesu Antworten ersetzen das eigene Mitdenken nicht.

Jesus erzählt von einem Zöllner und einem Pharisäer. Sofort klingeln bei den Jüngern Alarmglocken. Die beiden Typen kennen sie: der Zöllner kollaboriert mit den römische Besatzern und leitet nach Gutdünken von den Steuern etwas ab aufs eigene Konto. Klar, der kann sich alles leisten, wofür ein normaler Mensch lange arbeiten muss. Nur hat er aber auch keine richtigen Freunde, nur die, die von ihm zu profitieren glauben. Sozial ist er jedenfalls untendurch. Und der Pharisäer, so richtig mögen sie den auch nicht, weil er ihnen vor Augen führt, wie‘s geht, wie das Gesetz Gottes einzuhalten ist und dass man es einhalten kann. Dass man Gottes Liebling sein kann, wenn man alles richtig macht. Sie standen auf der gesellschaftlichen und moralischen Leiter ziemlich weit oben.

Nun erstaunt schon das Nächste: beide gehen in den Tempel, beide gehen nun zum Gebet. Sie sitzen bzw. stehen nicht nebeneinander. Der Zöllner verkrümelt sich in die letzte Ecke, er weiß ja, dass er nicht gerne gesehen wird, der Pharisäer sitzt bzw. steht mittendrin. Beide stehen vor Gott und beide beten zu ihm. Zuerst wird von dem Gebet des Pharisäers, des guten Menschen, berichtet: er beginnt sein Gebet, wie jedes Gebet beginnen sollte: mit einem Dank.

Er dankt Gott, dass er ihn vor schlimmen Versuchungen bewahrt und von Fehltritten ferngehalten hat. Als Vergleich dient ihm der abseitige Zöllner. Mehr noch, er hat mehr getan, als sich von Bösem fernzuhalten: er hat Gutes getan. Er hat seinen Körper rein gehalten und auch seinen Geldbeutel geöffnet und damit anderen geholfen. Also wieder alles richtig gemacht. Das muss ihm, Gott, doch gefallen. Und das will er ja, Gott gefallen. Bis hierher ist nichts ungewöhnlich an der Geschichte.

Nun aber zum Zöllner. Eigentlich fragt man sich schon von Anfang an, was der im Gottesdienst will. Er weiß ja genau, was die Menschen um ihn herum denken und von ihm halten, deshalb schlägt er seine Augen nieder, mag niemanden anschauen, spürt die Augen der anderen auf sich gerichtet. Er schlägt sich an die Brust als Zeichen der Reue und Verzweiflung. Sein Gebet ist kurz, sehr kurz: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ – Nur mal nebenbei: Etwas ausführlicher könnte er seine Verfehlungen und Untaten schon aufzählen und sagen, was ihm leid tut…

Hier endet die Geschichte. Was jetzt kommt, ist Jesu Deutung und die Antwort auf die unausgesprochenen Fragen der Jünger, was sie tun und was sie lassen sollen: der eine bekommt das, was er sich erhofft hat, der andere nicht. Der Zöllner bekommt Gottes Liebe in Form von Begnadigung und Barmherzigkeit zu spüren – der andere nicht. Er hat ja auch gar nicht danach gefragt.

Für die Menschen damals muss das provokant gewesen sein. Es provozierte den Widerstand, weil es das Denken und Handeln auf den Kopf stellt. Und für uns heute ist es, richtig gelesen, noch genauso. Denn auch wir wissen doch genau, was richtig und was falsch, wer gut und wer böse ist. – Maske tragen zum Schutz von anderen oder Aufstehen gegen die Einschränkung von Freiheiten …

Jesus und Gott interessieren sich nicht dafür, was die Leute über mich denken. Ihnen ist wichtig, was ich selbst über mich denke. Gottes Urteil über uns richtet sich allein nach unserem Herzen, unserem Innersten. Vor ihm können wir unser Innerstes nach außen kehren. Er kann es sich leisten, nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes zu richten, sondern seinem Herzen zu folgen. Das ist die Botschaft Jesu.

Uns scheint ein Stück weit verlorengegangen zu sein, dass wir wüssten, was zu tun und zu lassen ist. Was bedeutet uns ein fairer Umgang miteinander? Wie wichtig sind uns Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit? Wie viel Raum lassen wir einander?

Der Zöllner hat für sich gesorgt. Materiell geht es ihm gut damit. Aber er ist auch einsam dabei. Jetzt sucht er Gott. Er sucht Befreiung. Er sucht Gnade, die vor Recht ergeht. „Gott, sei mir Sünder gnädig.“

Was vor Gott zählt, ist die Sehnsucht nach ihm. Wenn jemand sagt: „Ich brauche dich“ – will Gott ihm nicht die Hilfe verweigern. Unser Sündenbekenntnis gipfelt in den Worten: ich brauche dich – Herr, erbarme dich. Diese Sehnsucht, dieses Verlangen wird gestillt durch die Worte: „Der Herr hat sich unser erbarmt“ oder: „dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.“

Es liegt nahe sich zu fragen: Was macht der Zöllner eigentlich, wenn er nach Hause kommt? Berichtet wird davon nichts. Vom Zöllner Zachäus wird wenigstens erzählt, dass er geläutert wurde: Er gibt vierfach zurück, was er den Armen abgeknöpft hat, und verschenkt die Hälfte seines Besitzes. Hier erfahren wir nichts dergleichen. Kann ja sein, wir wissen es nicht, kann aber auch sein, dass er ab jetzt Fahrrad fährt, kein Flugzeug mehr besteigt, Kreuzfahrten mit Missachtung straft, auf Fleisch verzichtet und nur noch in Unverpacktläden einkauft ... kann sein, kann aber auch ganz anders sein.

Amen

Wir beten:

Gott allen Lebens, voller Sorge und Angst schauen wir auf das, was um uns herum geschieht.

Wir fühlen uns ohnmächtig und hilflos und wissen auch, dass deine Liebe uns als Zeugen und Zeuginnen in diese Welt stellt. Stärke uns den Rücken, zeige uns die Orte, an denen wir gebraucht werden.

In den Kriegsgebieten dieser Welt lass Menschen aufstehen für den Frieden. In den Elendsvierteln, dort, wo Menschen den Urgewalten ausgesetzt sind, schenke helfende Hände.

Wo Politiker aus dem Reden nicht herauskommen, lass sie Wege der Einigung finden. Wo Menschen drangsaliert, geschlagen oder angegriffen werden, lass Menschen mutig aufstehen und sich dazwischen stellen.

Wo die Religion und der Glaube missbraucht werden, um Menschen mundtot zu machen und gegeneinander aufzuhetzen, schlage sie mit deinen Waffen.

Den Kirchen und unseren Gemeinden schenke liebevolle Ehrlichkeit und vertreibe falsche Bescheidenheit und Eitelkeit.

Und uns, die wir oft den Weg des geringsten Widerstands suchen, nimm geduldig an die Hand und lass uns über Mauern springen. Amen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.

Amen.