16. August 2020 - 10. Sonntag nach Trinitatis

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektorin: Sabine Gördes

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! Ps 33,12

Mit dem Leitspruch für die neue Woche aus Psalm 33 begrüße ich Sie zum Gottesdienst. Wir denken heute besonders an das Volk der Juden und daran, dass Jesus selbst diesem Volk angehört. Jesus hat die Tür geöffnet, damit alle Menschen Teil des Gottesvolkes werden können. Alle Menschen sollen Gottes Segen erben. Alle Menschen erben Gottes Auftrag, im Einklang mit allen Geschöpfen zu leben. Wir hören davon, wie schwer das ist. Und wir bitten um Mut und Leichtigkeit für uns und unsere Welt.

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Psalm dieses Sonntages ist der 122. Psalm:

Ich freute mich über die, die mir sagten:

Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!

Nun stehen unsere Füße

in deinen Toren, Jerusalem.

Jerusalem ist gebaut als eine Stadt,

in der man zusammenkommen soll,

wohin die Stämme hinaufziehen,

die Stämme des HERRN, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des HERRN.

Denn dort stehen Throne zum Gericht,

die Throne des Hauses David.

Wünschet Jerusalem Frieden!

Es möge wohlgehen denen, die dich lieben!

Es möge Friede sein in deinen Mauern

und Glück in deinen Palästen!

Um meiner Brüder und Freunde willen

will ich dir Frieden wünschen.

Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes,

will ich dein Bestes suchen. Amen.

Lied: Ich lobe meinen Gott [freiTöne 82]

Wir beten:

Du Gott Israels seit alters her, du Gott Abrahams und Sarahs, du Gott Jesu und aller Welt: Du hast deine Erde gesegnet. Du hast uns auserwählt, damit deine Schöpfung aufblüht. Du hast uns Hilfe versprochen. Lass nicht von uns ab. Auch wenn wir schwach werden  und meinen, es besser zu wissen als du. Hilf uns, auf dich zu hören und nach deinem Willen zu leben. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn und unsern Bruder. Amen.

Lesung Markus 12,28-34

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

 

 

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Römer 11,25-32

Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen.

Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern, bis alle heidnischen Völker sich ihm zugewandt haben. Und auf diese Weise wird schließlich ganz Israel gerettet werden.

In der Heiligen Schrift heißt es ja auch: „Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Schuld von ihnen nehme.“

Betrachtet man es von der frohen Botschaft her, dann sind sie Gottes Feinde geworden. Und das kommt euch zugute.

Betrachtet man es aber von daher, dass Gott sie erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. Es waren ja ihre Vorfahren, die er einst erwählt hat.

Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.

Früher habt ihr Heiden Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt. Und genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht, weil er euch sein Erbarmen geschenkt hat. Und dadurch werden künftig auch sie sein Erbarmen finden.

Denn Gott hat alle im Ungehorsam vereint, weil er allen sein Erbarmen schenken will.

 

Liebe Gemeinde,

zwei Rabbiner disputieren bis in die tiefe Nacht über die Existenz Gottes. Mit allerlei Bibel- und Talmud-Stellen beweisen sie sich ohne jeden Zweifel, dass es Gott nicht gibt. Als der Tag anbricht, macht sich der eine Rabbi in die Synagoge auf. Der andere sagt verblüfft: „Ich dachte, wir hätten uns gestern geeinigt, es gibt keinen Gott.“ – „Ja“, sagt der eine, „aber was hat das mit dem Morgengebet zu tun?“

Jüdischer Humor ist etwas Besonderes. Bei all dem Schweren und Furchtbaren, das das jüdische Volk durch die Jahrhunderte zu ertragen hatte, hilft der Humor zum Leben. Trotz allem.

Eigentlich ist nach dem langen Gespräch in der Nacht klar, dass es angesichts des Leides in der Welt Gott nicht geben kann. Er könnte es einfach nicht zulassen und ertragen, denn er liebt die Menschen. Und doch bricht der eine Rabbi am nächsten Morgen in die Synagoge auf, um dort zu beten. Das scheint unsinnig, denn an wen soll sich sein Gebet richten? Wer soll ihm antworten?

Trotzdem bricht er auf. Die Gebote und religiösen Bräuche sind wie ein Geländer, an dem man durch den Tag und durchs Leben gehen kann. Wie sollte man ohne sie seinen Weg finden? – – –

Dieser zehnte Sonntag nach Trinitatis erinnert an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem – und an das große Leid des jüdischen Volkes.

Christen tragen dafür Verantwortung. Schon in der jungen Kirche wurde pauschal den Juden die Schuld am Tod Christi angelastet. Dabei war es eine kleine Gruppe, die in Jerusalem auf seinen Tod hingewirkt hat. Jesus war selbst Jude und hat sich so verstanden. Er hat lediglich das jüdische Gesetz auf befreiende Weise neu ausgelegt.

Nach der Geschichte des Dritten Reiches und der Ermordung von sechs Millionen Juden ist das christlich-jüdische Verhältnis in Deutschland belastet und unser Verhältnis zum Staat Israel. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte ist es erschreckend, wenn antisemitische Äußerungen wieder lauter werden, wenn jüdische Mitbürger auf der Straße angegangen werden und es Anschläge auf Synagogen und jüdische Geschäfte gibt.

Dieser Sonntag ist eine Gelegenheit sich auf unsere Wurzeln zu besinnen. Unser christlicher Glaube ist gewachsen auf dem Grund der Erzählungen des Volkes Israel von Schöpfung und Verheißung, Befreiung und Gebot, Solidarität und Selbstkritik, Klage und Gebet.

In der Geschichte haben Christen oft gemeint, ihr Glaube wäre dem jüdischen überlegen. Doch schon Paulus widerspricht dem in unserem Predigttext aus dem Römerbrief. Wir glauben an denselben Gott und er befreit Juden und Christen aus Dünkel und Vorurteilen und wird seine Verheißungen wahrmachen, bis alle an ihn glauben und ihm vertrauen.

Dabei geht die Verheißung an Abraham noch über Juden und Christen hinaus. „In dir sollen gesegnet sein alle Völker.“ Überheblichkeit und Arroganz sind nicht angebracht. Wir haben die religiöse Weisheit nicht gepachtet. Wir sind Lernende mit dem Auftrag einzuladen zum Glauben an den einen Gott.

Jesus hat den jüdischen Glauben immer wieder wunderbar ausgelegt als Ermutigung, Trost und Stärkung. Er hat die Liebe Gottes gelebt und darauf vertraut. Und Paulus nimmt das auf: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“

Der Streit zwischen Religionen und Konfessionen hat viel Leid gebracht. Das empfinde ich als beschämend. Und zu oft haben wir geschwiegen, wenn Menschen mit einem anderen Glauben beleidigt oder verfolgt wurden. Alle Völker sollen gesegnet werden, sollen ihren Weg zu Gott finden. Für uns Christen ist das der Weg Jesu.

Gott sei Dank gab es aber auch immer wieder Situationen, in denen wir voneinander gelernt haben, etwa vom gewaltfreien Weg eines Mahatma Gandhi, von der Versöhnungsbereitschaft eines Nelson Mandela oder der Ehrfurcht vor dem Leben bei Albert Schweitzer.

Jüdischer und christlicher Glaube sind sich besonders nah. Und jüdischer Humor ist mir sympathisch. Deshalb am Ende noch ein jüdischer Witz:

Gott beschließt, eine neue Sintflut zu schicken. Vorher informiert er die Abgesandten der drei Religionen: „Genug ist genug! In drei Tagen ist es vorbei mit der Menschheit!“

Der Papst sagt nach der Rückkehr zu seinen Schäflein: „Hüllt euch in Sack und Asche und tut Buße; das Ende naht.“

Der evangelische Bischof sagt den Seinen: „Uns bleibt nur noch das inbrünstige Bitten um Gnade, damit ER uns erhöre und das furchtbare Schicksal von uns abwende.“

Und der Oberrabbiner spricht zu seiner Gemeinde: „Juden, wir haben noch 72 Stunden Zeit, um zu lernen, wie man unter Wasser lebt.“

Das Leben, die Menschen, unsere Welt – sind so, wie sie sind. Das nimmt der Oberrabbiner an. Vielleicht aber gibt es ein Fünkchen Hoffnung. Lasst es uns suchen!

Amen.

Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud [EG 503]

Wir beten:

Barmherziger Gott, wir sind reich gesegnet mit deinem Erbe. Wir nehmen es an. Auch wenn es schwierig scheint, dein Erbe zu leben. Darum wenden wir uns an dich.

Wir bitten dich: Hör nicht auf uns zu lieben, auch wenn wir uns das Leben immer wieder gegenseitig schwer machen und nicht deinem Ebenbild gleichen.

Wir bitten dich für uns und unsere jüdischen Glaubensgeschwister, dass wir nicht aufhören, aufeinander zuzugehen – vereint im Lob, das dich als Ursprung und Ziel unseres Lebens preist.

Wir bitten dich um Respekt für Menschen, die anders glauben, leben oder lieben als die Mehrheit, damit wir uns an den vielen bunten Blüten in deinem Volk freuen.

Wir bitten dich für alle, deren Lebtage ans Ende kommen. Mache ihre Herzen getrost, dass der Tod sie nicht von dir scheiden kann.

Wir bitten dich für alle Traurigen, dass sie sich dem Tag entgegensehnen, an dem die Kraft zum Leben wieder stärker wird als die Kraft des Todes.

Wir bitten dich für alle, denen ihr Leben glückt, dass sie andere mit ihrer Freude anstecken.

Barmherziger Gott, wir sind reich gesegnet mit deinem Erbe. Wir nehmen es an. Mach uns leicht und liebenswert, wenn wir es in deinem Namen austeilen. Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Gehet hin im Frieden des Herrn.

Gott segne dich und behüte dich!

Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Gott hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.

Amen.

Lied: Ich lobe meinen Gott [freiTöne 82]

1. Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja! Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!

2. Ich singe meinem Gott von ganzem Herzen. Erzählen will ich von all seiner Liebe und preisen seine Gnade.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja! Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!

3. Ich danke meinem Gott von ganzem Herzen. Erzählen will ich, dass er alle Menschen in seinen Händen trägt.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja! Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!

Text und Melodie: Claude Fraysse 1976

Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud [EG 503]

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.

13. Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, dass ich dir stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe, viel Glaubensfrüchte ziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.

Text: Paul Gerhardt 1653 Melodie: August Harder 1813