1. Advent - 29. November 2020

Gottesdienst aus der Pauluskirche mit Pfarrer Martin Schwerdtfeger - Lektor: Friedrich-Wilhelm Kruse

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Sacharja 9,9a

Mit diesem Wochenspruch beginnt ein neues Kirchenjahr und wir hören dazu von Jesu Einzug in Jerusalem.

Fröhlich und voller Erwartung begrüßt uns der erste Advent: Ein König – ein Gerechter – ein Helfer! Es wäre nicht die Bibel, wenn alles so liefe, wie wir uns das denken. So auch hier: der König kommt wenig königlich daher und sein Reittier wird uns zum Nachdenken bringen. Um den Esel wird es gehen, der zu biblischen Zeiten und an biblischen Orten einfach dazugehörte. Jetzt mag er uns mitnehmen in den Advent.

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Wir beten:

Sehnlich erwarten wir dich, unser Gott, und sind doch oft nicht bereit für dein Kommen. Sehnlich hoffen wir darauf, dass du uns den Weg zeigst, denn wir verirren uns so leicht. Sehnlich wünschen wir uns dein Erscheinen und haben doch keine Ahnung, was das bedeutet. Umso mehr bitten wir dich: Komm und zeige dich, rüttle uns und wecke uns auf, dass wir lernen das Unerwartete wahrzunehmen und das Unfassbare zu begreifen. Auf dein Kommen hoffen wir, um dein Erbarmen bitten wir. Amen.

Psalm 24

Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,

der Erdkreis und die darauf wohnen.

Denn er hat ihn über den Meeren gegründet

und über den Wassern bereitet.

Wer darf auf des Herrn Berg gehen,

und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?

Wer unschuldige Hände hat

und reinen Herzens ist,

wer nicht bedacht ist auf Lüge

und nicht schwört zum Trug:

der wird den Segen vom Herrn empfangen

und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.

Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,

das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,

dass der König der Ehre einziehe!

Wer ist der König der Ehre?

Es ist der Herr, stark und mächtig,

der Herr, mächtig im Streit.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,

dass der König der Ehre einziehe!

Wer ist der König der Ehre?

Es ist der Herr Zebaoth;

er ist der König der Ehre. Amen.

Lesung Matthäus 21, 1-11

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Predigt

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Sacharja 9,9-10

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Liebe Gemeinde,

Alexander der Große hat mit Klugheit und Geschick sein Königreich Makedonien ausgeweitet bis an den Hindukusch. Er hat Persien und Ägypten erobert und einen Sieg nach dem anderen errungen.

Er war so berühmt, dass sogar der Name seines Pferdes in die Geschichte eingegangen ist: Bukephalos hieß das Pferd, auf dessen Rücken der mächtigste Mann seiner Zeit die Welt im Sturm eroberte! Pferd und Reiter sind auf vielen Denkmälern zu sehen. In Pompeji hat man ein Gemälde gefunden und in Edinburgh gibt es ein Statue mit dem jungen Alexander, der sein Pferd, das sonst niemand reiten konnte, zähmt.

Mit Pferden lassen sich Kriege gewinnen. – Aber wie gewinnt man den Frieden? Mit einem Esel etwa?

Der Esel ist das Reittier des kleinen Mannes. Er gilt bei uns als dumm und störrisch und ist zum Schimpfwort geworden. Doch er kann Lasten tragen. Er merkt, wenn ihm eine Last zu viel wird, und er kann auch im Gebirge sicher gehen.

In der Bibel ist der Esel klüger als die Menschen. Bei Jesaja heißt es: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht.“ Jesaja 1,3

Deshalb gehören Ochse und Esel zu unseren Krippendarstellungen.

Und als Bileam Israel verfluchen soll, bleibt sein Esel auf dem Weg stehen, weil der den Engel Gottes sieht, der vor ihm steht. Gott verleiht ihm menschliche Sprache und der Esel sagt dem Seher, was Gott von ihm will. So segnet Bileam Israel statt es zu verfluchen.

In der christlichen Kunst trägt ein Esel die schwangere Maria nach Bethlehem und auf der Flucht nach Ägypten.

Auf einem Esel reitet Jesus also in Jerusalem ein. Nicht auf einem Schlachtross. Das Füllen einer Eselin ist auch zu klein, um Waffen dabei zu haben. Sie würden auf dem Boden schleifen.

Und die Menschen in Jerusalem erinnern sich an Sacharjas Worte und rufen: „Hosianna“. Das ist gleichzeitig eine Bitte um Hilfe und ein Jubelruf, weil Gott Hilfe bringt.

Der neue König kommt auf einem Esel, mit dem man keine Schlacht gewinnen kann, dafür aber den Frieden?

Eine Antwort findet sich auch bei Sacharja: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“ Sacharja 4,6

Jesus ist arm und reitet auf einem Esel in die Straßen von Jerusalem. Ein Gerechter und ein Helfer, der Frieden bringt. Dafür setzt er sein Leben ein und eine neue Haltung. Er spricht von der Liebe, die auch dem Feind gilt. Er wirbt für Vergebung und Solidarität. Er lädt zu einem neuen Leben ein: Urteilt nicht! Richtet nicht! Helft zum Leben!

Im Advent stoßen wir wieder auf die Sehnsucht nach Frieden. Das geht, den Bogen abzulegen und die giftigen Pfeile, die wir manchmal abschießen möchten. Befreiung soll kommen, nicht im Kampf, sondern durch das Wort von der Liebe Gottes, das gehört wird und von der Tat, die diese Liebe weitergibt von Mensch zu Mensch.

So braucht Gott für seine Weltrettung Esel. Esel, über die wir zuweilen stöhnen, denen wir lieber aus dem Weg gehen, mit denen kein Staat zu machen ist. Es sind solche, die nicht locker lassen und beharrlich für eine Sache eintreten.

Noch heute versuchen die „Alexanders“ der Welt, Länder und Macht zu erbeuten und in ihren Besitz zu nehmen. Nur, dass statt Pferd und Schwert jetzt Panzer, Bomben und Raketen die Städte verwüsten. – Dazu setzen Drohnen die Schwelle der Anwendung von Gewalt herab, weil man die Opfer nicht mehr sieht.

Ich wünsche uns für diesen Advent, dass das Bild vom Friedenskönig auf dem Esel in uns lebendig wird und sich Raum schafft: Raum in uns und Raum durch uns – für unser Leben, für unser Miteinander und für eine Welt, in der die Grenzen sich wieder öffnen und in der eine Krise das Miteinander fördert und nicht das Gegeneinander schürt.

Vor 75 Jahren hat in Nürnberg der Prozess gegen Kriegsverbrecher begonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte standen die Spitzen eines Staates vor Gericht und wurden angeklagt wegen der schwersten Verbrechen, die die Weltgeschichte bis dahin erlebt hatte: Entfesselung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie wurden persönlich haftbar gemacht für das, was sie getan hatten.

Ohne Nürnberg gäbe es heute keinen Internationalen Strafgerichtshof, wären Kriegsherren aus Serbien, Kroatien oder aus Ruanda wegen Massenmord, Folter und Vergewaltigung nicht bestraft worden; würde auch Völkermord heute nicht als Straftat geahndet.

Im Konflikt mit der Macht muss sich das Recht behaupten. Es kann die Macht nicht immer überwinden, aber es kann ihr doch Grenzen setzen.

Benjamin Ferencz, 100 Jahre alt, ist der letzte lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Er sagt: „Meine Botschaft an zukünftige Generationen lautet: Lasst die Waffen schweigen und verschafft dem Recht Gehör. Und für den Weg dorthin, würde ich ihnen noch drei weitere Botschaften mitgeben: Gebt niemals auf! Gebt niemals auf! Gebt niemals auf!“

Diese Sehnsucht verbinden wir mit Jesus, der uns zu Hilfe kommt. Amen.

Fürbitten

Komm zu uns, guter Gott, komm zu uns aufs Neue, denn wir brauchen dich in dieser Welt, die wir nicht mehr verstehen.

Komm in unsere Herzen, dass wir eine Chance haben, dich zu erkennen und lernen, deinem Willen zu entsprechen.

Komm zu allen, die deine Hilfe brauchen. Öffne auch unsere Augen und Hände, anderen zu helfen.

Komm zu denen, die Krieg, Hunger oder die fehlende Aussicht auf ein menschenwürdiges Leben in die Flucht treiben. Lass sie den Mut nicht verlieren.

Komm und schenke den Regierenden in der Welt Mut und Zutrauen für wegweisende und vorausschauende Entscheidungen.

Komm zu deinen Menschen, die um ihre Gesundheit bangen, die Angst um ihr Leben und vor dem Sterben haben. Sei nahe und hole sie sanft zu dir.

Komm und bleibe bei uns, unser Gott, unser Vater. Zu dir beten wir als deine Kinder mit den Worten deines kommenden Sohnes.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich!

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden. Amen.